IT-Szene in Belarus

Belarussische Informatiker – genial, global und Spielball des Lukaschenko-Regimes

+
Alexander Lukaschenko, Präsident von Belarus, nimmt an einem Treffen der Staats- und Regierungschefs der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) im Konstantin-Palast in Strelna teil.
  • schließen

Nach den Wahlen 2020 stellten sich viele Informatiker auf die Seite der Opposition. Lukaschenko rächte sich mit Verhaftungen und Schlägen. Viele verließen daraufhin das Land.

Minsk – Im IT-Sektor ist die belarussische Wirtschaft sehr erfolgreich. Im Jahr 2020 machte dieser Bereich 7,3 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Sein eigentlicher Mehrwert für das marode System ist aber die Exportleistung, denn die meisten Dienstleistungen werden aus Belarus exportiert. Diese Exporte brachten vergangenes Jahr 2,5 Milliarden US-Dollar ins Land.

Das Regime braucht und fürchtet seine talentierten und begabten Informatiker, denn ihre Haltung zur Herrschaft Lukaschenkos ist gespalten. Zwar dienen sich auch einige der Fachleute dem System an und arbeiten für die Sicherheitskräfte. Aber die Mehrheit von ihnen steht auf der Seite der Opposition oder ist längst nach Polen, Litauen, Ukraine, Deutschland oder in andere Staaten emigriert.

Belarus: Informatiker – genial, global und Spielball des Lukaschenko-Regimes

Die unabhängigen Journalisten von Outriders haben in ihren umfangreichen Recherchen herausgefunden, dass am Anfang des heutigen IT-Booms in Belarus der Zusammenbruch der Sowjetunion stand. In den 1990er Jahren waren die ehemaligen sowjetischen Ingenieure mit dem Nichts konfrontiert. Sie verloren ihre Arbeit und hatten kaum Geld, um zu überleben. Das Wissen und das Können, das sie an den alten Kaderschmieden der sowjetischen Technischen Hochschulen erworben hatten, eröffnete ihnen aber eine neue Perspektive, den Personal Computer (PC). Mit Rechenmaschinen kannten sie sich aus und mit den Komponenten auch, also begannen sie PCs zusammenzubauen.

Computer waren nicht für alle zugänglich. Am billigsten war es, sie aus verschiedenen Komponenten selbst zu bauen. Verkauf und Wartung von Hardware wurde deshalb zu einem wachsenden und dynamischen Markt. Bis 1995 entstanden erste größere Firmen, die PCs zusammenbauten, verkauften und warteten.

Im Laufe der Zeit wechselten immer mehr Fachleute aus staatlichen Unternehmen in den IT-Sektor. Darüber hinaus lagerte die globale Softwareentwicklungsbranche Mitte der 90er Jahre ihre Tätigkeiten aus. Davon profitierten belarussische Informatiker enorm.

IT-Sektor in Belarus: Beschäftigung mit Computern in der Bevölkerung beliebt

Auch der staatliche Sektor verfolgte seine eigenen IT- Projekte, insbesondere das erste und einzige belarussische Antivirenprogramm VirusBlokAda aus dem Jahr 1997. Die Beschäftigung mit Computern war so populär geworden, dass sich Gymnasiasten regelrechte Wettbewerbe um die besten Computerviren lieferten. Später lernten sie weitere Tricks kennen, als sie teurere Computerspiele hackten, die sie sich niemals hätten leisten können. Der Internetzugang war ebenfalls teuer, daher schufen viele Belarussen eigene private Netzwerke, um die Zugänge zum Netz zu maximieren. Es entstanden auch lokale Netzwerkserver, die von Computerbegeisterten selbst gemacht wurden.

Der nächste große Schritt für den Sektor war die Gründung des Technologieparks (HTP) in Minsk. Hier wurde die Zusammenarbeit mit globalen IT-Firmen, wie beispielsweise IBM, möglich. Erhebliche internationale Investitionen flossen in den belarussischen IT-Sektor. Die Zahl der Beschäftigten im Minsker Technologiepark betrug 2019 über 10.000 Fachleute. Laut den Angaben von HTP waren es 2020 bereits 65.000 Mitarbeiter.

Belarussische Informatiker: Mit dem Erfolg kamen die Probleme – das Verhältnis zum Regime kippte

Der IT-Sektor wurde anfangs auch vom Lukaschenko-Regime unterstützt, schließlich sorgten die Informatiker für Devisen. Außerdem konnte Belarus als moderner Technologiestandort auftrumpfen, denn gerade in den letzten Jahren kamen aus Minsk auch immer mehr eigene Ideen und IT-Lösungen auf den Weltmarkt. Das Verhältnis zum Regime kippte aber, als nach der Wahl am 9. August 2020 klar wurde, dass Lukaschenko die Macht nicht abgeben wollte*. Viele Informatiker und Führungskräfte aus dem Umfeld des HTP stellten sich auf die Seite der demokratischen Opposition. In den folgenden Monaten mussten sie dafür mit Inhaftierungen, Schlägen und sonstigem Terror des Regimes bezahlen.

Allen voran regierte Polen* mit einem speziellen Programm (Poland Business Harbour) für diese Berufsgruppe. Die baltischen Staaten engagierten sich ebenfalls zeitnah und intensiv für die belarussischen Informatiker. „Noch im Laufe des Herbsts 2020 fanden 42 Prozent der aus Belarus geflüchteten Fachleute in Polen ein neues Zuhause. In Litauen fanden rund 10 Prozent Zuflucht. Etwa 7 Prozent der belarussischen Informatiker, die 2020 ihre Heimat auf der Flucht verlassen mussten, zogen nach Deutschland”, schreibt das polnische Wochenmagazin Tygodnik Powszechny.

Die Menschen mit hervorragenden Informatikkenntnissen, die es nicht ins Ausland geschafft haben, müssen nun unter Lukaschenkos Rache leiden. Immer wieder wird von weiteren Verhaftungswellen im belarussischen IT-Sektor berichtet. Das Regime entwickelt eigene Strategien und Methoden, um die Internetaktivitäten seiner Bürger auszuspionieren. Dafür bedient es sich auch Menschen, die mit dieser Materie vertraut sind. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Der Atomstrom sollte in das Baltikum und nach Polen verkauft werden. Daraus wurde nichts. Jetzt versucht Belarus wichtige Bereiche zu elektrifizieren, um den Strom selbst zu nutzen.

Zurück zur Übersicht: Politik

Mehr zum Thema

Kommentare