Bolsonaro gegen Lula

Wahl in Brasilien: Warum es für Deutschland wichtig ist, wer der nächste Präsident wird

  • schließen

Brasilien wählt kommenden Sonntag einen neuen Präsidenten – den rechtsextremen Bolsonaro oder den moderaten „Lula“ da Silva: Der Wahlausgang wird Europas Top-Themen Klimaschutz und neue Energiequellen entscheidend beeinflussen.

Rio de Janeiro – Der ehemalige Präsident Brasiliens machte im Frühjahr eine Europatour. Luiz Inácio „Lula“ da Silva lächelte in Kameras, wurde von Staatschefs empfangen und gab Interviews. Zu diesem Zeitpunkt hatte Lula eigentlich gar kein Amt inne, streng genommen kam da einfach nur ein Ex-Präsident. Trotzdem inszenierte er sich auf seinen Stationen staatsmännisch – und wurde von vielen Ländern auch so empfangen. Lula demonstrierte internationalen Rückhalt, lange bevor der Wahlkampf in Brasilien überhaupt richtig ins Rollen kam.

Ganz anders sind die internationalen Auftritte des aktuellen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Von der Weltklimakonferenz gingen vergangenes Jahr Bilder um die Welt, die ihn etwas verloren zwischen anderen Staatsmännern und -frauen zeigten. Während sich Lula weltweit gut ins internationale Gefüge integriert, ist der rechtspopulistische Bolsonaro häufig isoliert.

Die Auftritte auf dem diplomatischen Parkett sind nicht die einzigen Punkte, in denen sich die beiden brasilianischen Präsidentschaftskandidaten fundamental unterscheiden. Aber diese Auftritte zeigen: Die Frage, wer in Brasilien Präsident wird, hat große Auswirkungen auf die internationale Zusammenarbeit des Landes und somit auch auf Deutschland und Europa.

Zwei Kontrahenten, zwei Richtungen: „Lula“ da Silva (l.) liegt in Umfragen vorn und setzt im Wahlkampf innen- wie außenpolitisch auf verbindende Elemente. Von Bolsonaro wäre bei einem Sieg wohl weitere Isolation zu erwarten.

Brasilien-Wahl: Zwei Kandidaten, komplett unterschiedliche Regierungsstile

Aktuell ist der Wahlkampf in Brasilien in vollem Gange. Am Sonntag (2. Oktober) wählt das Land mit der weltweit siebtgrößten Bevölkerung einen Präsidenten – aber auch das Parlament und den Senat. Die größten Chancen auf das Präsidentenamt haben der aktuelle Präsident Jair Bolsonaro und sein 76-jähriger Herausforderer Luiz Inácio „Lula” da Silva. Letzterer war von 2003 bis 2010 schon mal Präsident von Brasilien und wurde unter anderem wegen seiner erfolgreichen Sozialpolitik und seines Kampfes gegen den Hunger im Land auch international bekannt. Vor vier Jahren wollte Lula erneut Präsident werden, landete jedoch aufgrund eines Korruptionsskandals im Gefängnis.

Jair Bolsonaro regiert Brasilien seit 2018 und tritt nun für eine zweite Amtszeit an. Während Lula als ehemaliger Gewerkschafter aus dem eher linken Lager kommt, fällt Bolsonaro oft durch populistische Aussagen auf und gilt als rechtsextrem.

Beide stehen für Regierungsstile, wie sie kaum unterschiedlicher sein könnten. Während Lula in der Vergangenheit immer dialogorientiert war, setzt Bolsonaro regelmäßig auf Konfrontation und stößt internationale Partner immer wieder vor den Kopf. Lula ist unter anderem darum in Kreisen der EU klar der favorisierte Kandidat. Neben den diplomatischen Beziehungen gibt es aber auch konkrete Themen, bei denen Deutschland in den kommenden Jahren Unterschiede spüren wird – je nachdem, wer in Brasilien regiert.

Unter Bolsonaro erreichte Abholzung im Amazonas Höchstwerte

Eins der wichtigsten Themen ist das Klima: „Auf den ersten Blick ist Brasilien weit weg“, sagt Andreas Nöthen dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA. „Aber gerade der Amazonas ist eine Schlüsselregion für den Klimaschutz.“ Nöthen ist freier Journalist und hat in den vergangenen Jahren mehrere Bücher über Brasilien geschrieben. Er ist Autor einer Biografie über Lula. Wie Brasilien in den kommenden Jahren im Hinblick auf Klima- und Umweltschutz handelt, hat wegen der enormen Wichtigkeit der Amazonasregion direkte Auswirkungen auf Deutschland und das Klima hier.

Unter Bolsonaro erreichte die Abholzung in Brasilien neue Höchstwerte. Außerdem wurden auch viele internationale Instrumente zum Schutz von Amazonien wegen fehlender Kooperationsbereitschaft von Brasilien eingestellt. Dazu gehört beispielsweise der Amazonien-Fonds für Wald- und Klimaschutz, der hauptsächlich von Norwegen, aber auch teilweise von Deutschland finanziert wurde. Grund waren die stark gestiegenen Abholzungsraten. Holzt Brasilien auch in Zukunft weiter so viel ab, wird es schwierig, weltweite Klimaziele zu erreichen. Auch wenn Bolsonaro regelmäßig betont, dass Brasilien allein entscheiden könne, was mit der Region geschieht.

Klimaschutz ist in Brasilien kein großes Wahlkampfthema

Spannend ist in diesem Zusammenhang, wie sehr die Wahrnehmungen dieser Herausforderung innerhalb und außerhalb Brasiliens auseinander gehen. Während Amazonien in der internationalen Diskussion rund um die brasilianischen Wahlen oft im Mittelpunkt steht, spielt Klimaschutz im Wahlkampf vor Ort eher eine untergeordnete Rolle. Allerdings hat Lula mit seiner Arbeiterpartei das Thema inzwischen zumindest teilweise auf dem Schirm. Hauptfokus ist der Klimaschutz aber auch für ihn nicht.

Von einer zweiten Amtszeit Bolsonaros kann man erwarten, dass das rücksichtslose Abholzen für die „wirtschaftliche Entwicklung der Amazonasregion“ weitergeht und dass er nur wenige Kompromisse in Bezug auf Klimapolitik machen wird. Sollte der nächste brasilianische Präsident Lula heißen, kann die Weltgemeinschaft auf mehr Kooperationsbereitschaft setzen. Außerdem ist wahrscheinlich, dass ehemalige Kooperationsprogramme wieder aufgenommen werden.

Weitere Amtszeit Bolsonaros könnte Handel mit Brasilien erschweren

Auch die Wirtschaftsbeziehungen zu Brasilien werden dadurch beeinflusst, wer der nächste Präsident wird. Viele Firmen haben ihre Niederlassungen in Lateinamerika rund um die Megacity São Paulo. In Zukunft könnte die wirtschaftliche Relevanz Brasiliens laut Nöthen zunehmen. „Brasilien könnte auch ein strategischer Partner in Bezug auf neue Rohstoffe sein“, meint er. Der Autor nimmt damit Bezug auf die aktuelle Gasknappheit und die Suche nach weiteren Gasquellen.

Bei einer zweiten Amtszeit von Jair Bolsonaro sei es hingegen schwer vorstellbar, dass Staatschefs versuchten, in diesem Themenfeld neue Handelsbeziehungen zu etablieren, denn der Rechtspopulist scheint kein verlässlicher Partner zu sein. „Von Bolsonaro kann man im internationalen Umfeld weitere Isolation und Entfremdung von Multilateralismus erwarten“, meint Brasilienexperte Nöthen. Lula hingegen sei auch in der Vergangenheit viel international unterwegs gewesen und habe aktiv auf Zusammenarbeit gesetzt. Es sei davon auszugehen, dass er das in einer neuen Amtszeit wieder tun würde. „Viele Regierungen haben einen viel besseren Zugang zu Lula als zu Bolsonaro“, erklärt Nöthen.

Brasilien-Wahl: Lula kämpft gegen Armut, Bolsonaro gegen Kommunismus

Im Wahlkampf setzt sich Lula vor allem für die Bekämpfung von Ungleichheit und Armut ein. In den vergangenen Jahren hat durch die Pandemie und die wirtschaftliche Rezession die Armut im Land wieder stark zugenommen, rund 30 Millionen Brasilianer und Brasilianerinnen hungern. Darum möchte Lula sowohl Sozialprogramme als auch die Wirtschaft wieder ankurbeln.

„Bolsonaro macht eine Art Anti-Wahlkampf“, meint Nöthen. Er inszeniere sich wahlweise als Kämpfer gegen den Kommunismus oder den Sozialismus und trete dafür ein, dass Brasilien „kein zweites Kuba“ werde. Außerdem spricht sich der aktuelle Präsident immer wieder für die Verteidigung konservativer Werte und der traditionellen Familie aus. „Das sind viele Themen aus dem evangelikalen Milieu“, meint Nöthen. Kein Wunder, zählen doch die evangelischen Pfingstkirchen zu Bolsonaros größten Unterstützern.

Über IPPEN.MEDIA:

Das IPPEN.MEDIA-Netzwerk ist einer der größten Online-Publisher Deutschlands. An den Standorten Berlin, Hamburg/Bremen, München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Wien recherchieren und publizieren Journalistinnen und Journalisten unserer Zentralredaktion für mehr als 50 Nachrichtenangebote. Dazu zählen u.a. Marken wie Münchner Merkur, Frankfurter Rundschau und BuzzFeed Deutschland. Unsere Nachrichten, Interviews, Analysen und Kommentare erreichen mehr als 5 Millionen Menschen täglich in Deutschland.

Grundsätzlich setze Bolsonaro laut Nöthen auf einen kämpferischen, konfrontativen Kurs. „Lula hingegen hat einen viel versöhnlicheren Ansatz gewählt, der soziale Aspekte wie die Armutsbekämpfung und den Umweltschutz stärker in den Fokus rückt“, erklärt der Journalist. Der Ex-Präsident betont im Wahlkampf immer wieder, wie wichtig es sei, alle mitzunehmen und das Land wieder zusammenzubringen – ähnlich wie es auch Joe Biden im US-amerikanischen Wahlkampf propagierte. Und ähnlich wie in den Vereinigten Staaten wird auch das in Brasilien keine leichte Aufgabe.

Rubriklistenbild: © Roberto Casimiro/Mauro Pimentel/Imago/afp (Montage)

Zurück zur Übersicht: Politik

Kommentare