Heftige Omikron-Welle

Nordkoreas Corona-Katastrophe: Kim Jong-un bricht wohl mit Tradition – und spricht mit China über Hilfen

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Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und seine Frau Ri Sol Ju (beide links) bei einem Empfang 2018 in Peking mit Chinas Staatschef Xi Jinping und Gattin Peng Liyuan. Kim lehnte Corona-Hilfsangebote aus China ab.
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Nordkorea hat internationale Corona-Hilfen stets abgelehnt – sogar aus China. Doch nun rollt eine Omikron-Tsunami durch das Land. Nimmt Pjöngjang nun doch Impfstoffe und andere Lieferungen aus Peking an?

Pjöngjang/Peking/München – Keine Impfungen, Medikamentenmangel und Unterernährung weiter Teile der Bevölkerung: Das isolierte Nordkorea ist denkbar schlecht auf die gerade anrollende Corona-Welle vorbereitet. Trotzdem bestand die Regierung von Machthaber Kim Jong-un bislang darauf, gut für den Kampf gegen die offiziell auch „Fieber“ genannte Krankheit gerüstet zu sein. Hilfsangebote aus dem Ausland lehnte Kim seit Beginn der Pandemie vor zwei Jahren wiederholt ab. Das gilt auch für Offerten aus China, dem einzigen Land der Welt, das Nordkorea zumindest halbwegs als Verbündeten bezeichnen kann.

2021 etwa lehnte Pjöngjang das Angebot Chinas über drei Millionen Dosen des lokalen Covid-19-Impfstoffs der Firma Sinovac ab. China solle das Vakzin lieber an „bedürftigere Länder“ abgeben, hieß es damals. Auch der Impfstoff von AstraZeneca, den Nordkorea über die Covax-Initiative der WHO hätte bekommen können, war nicht willkommen. Bis zur vergangenen Woche beharrte die sozialistische Regierung ja darauf, keinen einzigen Corona-Fall in ihrem Land zu haben. Die sozialistische Kim-Dynastie richtet sich nach einer Autarkie-Ideologie namens „Juche“ aus. Wirtschaftliche Reformen und Öffnung nach chinesischem Modell lehnte bisher jeder Kim – Großvater Kim Il-song, Vater Kim Jong-il und nun Sohn Kim Jong-un – ab, zum Leidwesen Pekings.

China in Kontakt mit Nordkorea über Hilfslieferungen

Doch nun mehren sich die Anzeichen, dass Kim zumindest mit China nun doch über Hilfslieferungen spricht. Denn mittlerweile bricht sich die hochansteckende Omikron-Variante ungebremst Bahn. Die Zahl der Infektionen nähert sich der Zwei-Millionen-Marke; am Donnerstag meldete das isolierte Land gut 262.000 Neuinfektionen mit dem „Fieber“. Mehr als 740.000 Menschen befinden sich demnach bereits in Quarantäne.

Drei Jets der nordkoreanischen Fluggesellschaft Air Koryo seien am Montag in der nordostchinesischen Stadt Shenyang gelandet, berichtete am Mittwoch die South China Morning Post unter Berufung auf eine ungenannte informierte Quelle.. Die Flugzeuge mit medizinischen Hilfsgütern, darunter Covid-19-Testkits, seien noch am Montag wieder nach Pjöngjang zurück geflogen. Kim habe zuvor Chinas Reaktion auf die Pandemie gelobt und seine Beamten aufgefordert, daraus zu lernen. China betreibt eine strikte Null-Covid-Politik. Dort sind derzeit Dutzende Städte ganz oder teilweise im Lockdown, allen voran die Wirtschaftsmetropole Shanghai.

Laut den chinesischen Behörden seien Gespräche zwischen China und Nordkorea im Gange, schreibt das Blatt. Einer der Knackpunkte ist demnach Öffnung der seit Beginn der Pandemie komplett geschlossenen Grenze zwischen Nordkorea und China. Umfangreiche Hilfslieferungen würden eine Öffnung des einzigen Grenzübergangs erzwingen. Berichten zufolge hatte Nordkorea sogar einen Schießbefehl bei illegalen Grenzübertritten aus China erteilt. Die zumeist entlang von Flüssen verlaufende Grenze zu China macht den größten Teil der Nordgrenze des isolierten Landes aus – eine kurze Grenze teilt es zudem mit Russland. Der einzige formale Grenzübergang liegt bei der chinesischen Stadt Dandong: Dort führt eine alte Eisenbahnbrücke über den Grenzfluss Yalu. Ob das Virus wirklich durch illegale Grenzübertritte von Personen von China aus ins Land kam oder über die Wildnis entlang abgelegener Teile der Grenze durch ein infiziertes Tier, wird man wohl nie erfahren. 

Nordkorea: Gesundheitssystem schwach, kaum noch Medikamente

China agiert mit seinen Hilfsangeboten derweil durchaus im eigenen Interesse. Dort betrachtet man den Ausbruch im Nachbarland mit Sorge. So ordnete die etwa 300 Kilometer von der gemeinsamen Grenze entfernte Hafenstadt Dalian angesichts der steigenden Infektionszahlen in Nordkorea am Dienstag regelmäßige Corona-Tests für alle 7,5 Millionen Einwohner an.

Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass Nordkorea Covid-19 allein eindämmen kann. Das Gesundheitssystem des isolierten Landes belegte 2021 in einem Ranking der US-amerikanischen Johns-Hopkins-Universität den 193. von 195 Plätzen. Auch ist die Bevölkerung komplett ungeimpft. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Nordkorea neben Eritrea das einzige Land weltweit, das noch gar keine Corona-Impfkampagne gestartet hat. Die komplette Abriegelung der Grenzen auch gegenüber China zur Abwehr der Pandemie sorgte laut Lina Yoon von Human Rights Watch (HRW) zudem dafür, dass dort "kaum mehr Medikamente übrig sind".

Der Staat rät den Bürgern daher, Covid-19 mit Hausmitteln wie Salzwasser zum Gurgeln zu behandeln. Außerdem wurde den Bürgern geraten, dreimal täglich Weidenblättertee zu trinken. Das entsprechende Video des Staatsfernsehens erfreut sich übrigens in den von immer wiederkehrenden Lockdowns geplagten Städten Chinas großer Beliebtheit und wurde auf sozialen Medien vielfach geteilt.

Nordkorea: Offenbar trotz Corona-Welle Atomtest geplant

Unterdessen scheint Kim trotz der Omikron-Welle einen Atomtest zu planen. Einem südkoreanischen Parlamentsabgeordneten zufolge sind die Vorbereitungen dafür bereits abgeschlossen. "Sie suchen nur noch nach dem richtigen Zeitpunkt", sagte Ha Tae Keung am Donnerstag vor Reportern. Er berief sich auf Informationen des südkoreanischen Geheimdienstes.

Zuvor hatte bereits die US-Regierung vor einem nordkoreanischen Atomwaffentest während der ersten Asien-Reise von US-Präsident Joe Biden gewarnt. Biden wird am Freitag in Südkorea erwartet und am Sonntag nach Japan weiterfliegen. Ein Atom- oder Raketentest zu dieser Zeit sei nach Einschätzung der US-Geheimdienste eine "echte Möglichkeit", sagte Bidens Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan am Mittwoch. Die US-Streitkräfte seien aber vorbereitet, "kurz- und längerfristige Anpassungen" der Reise vorzunehmen. Die USA warnen schon seit Wochen, Nordkorea könne in nächster Zeit erstmals seit 2017 wieder einen Atomwaffentest vornehmen. Pjöngjang drohte unlängst mit einem Atomschlag für den Fall eines südkoreanischen Angriffs. (ck/mit Material von AFP)

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