Wettrüsten im Indopazifik?

China setzt auf Hightech-Waffen: Hyperschallrakete für USA beinahe „Sputnik-Moment“

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US-Generalstabschef General Mark Milley: Raketentest „beinahe ein Sputnik-Moment“
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China will sein Militär technologisch weiter aufrüsten. Die USA sind wegen des Tests einer chinesischen Hyperschallrakete besorgt. Es droht neuer Streit.

Peking/München – Chinas Präsident Xi Jinping will die Volksbefreiungsarmee* technologisch weiter voranbringen. Auf einer Rüstungskonferenz in Peking forderte er nach einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua die Beschaffungsexperten des Militärs zu weiteren Durchbrüchen bei der Weiterentwicklung von Waffen und Ausrüstung auf. Xi lobte zugleich die technischen Fortschritte der letzten fünf Jahre.

Erst kürzlich war der technologische Fortschritt des Landes live zu besichtigen. US-Generalstabschef Mark Milley bestätigte am Mittwoch, dass die USA den Test einer chinesischen Hyperschallrakete des Typs Langer Marsch zur Kenntnis genommen haben. Milley hält die Rakete für den Teil eines Hyperschall-Waffensystems und bezeichnete ihn auf Bloomberg TV als „besorgniserregend.“

Die Tests „kämen einem Sputnik-Moment nahe“, sagte der General. Er bezog sich auf die Raumkapsel Sputnik, die die UdSSR 1957 mitten im Kalten Krieg überraschend in die Erdumlaufbahn schickten. Die USA* waren schockiert, und Moskau im Rennen der Supermächte um das Weltall in Führung gegangen. Die Reaktion Milleys deutet darauf hin, dass Chinas Hyperschall-Waffenprogramm weiter fortgeschritten ist, als US-Geheimdienste bisher angenommen hatten.

Chinas Raketentest: Was sind Hyperschallraketen?

Noch ist aber unklar, ob der Raketenstart wirklich militärisch motiviert war, denn Peking streitet das ab. Außenamtssprecher Zhao Lijian sagte vergangene Woche, bei dem Start habe es sich um einen „Routinetest“ gehandelt, der nötig sei, um Technologie regelmäßig einzusetzen. Das sei in der Raumfahrt wichtig und international üblich, um die Kosten niedrig zu halten. Langer Marsch-Raketen befördern auch Astronauten und Fracht ins Weltall, zuletzt zu Chinas* im Bau befindlichen Raumstation Tiangong.

Was sind Hyperschallraketen?

Hyperschallraketen schaffen es auf das Fünffache der Schallgeschwindigkeit - also rund 5000 Kilometer pro Stunde. Sie fliegen in geringer Höhe und sind schwer aufzuspüren. Die USA und Russland haben derzeit die am weitesten entwickelte Hyperschall-Technologie. Aber auch andere Staaten arbeiten laut Bloomberg daran, darunter Indien, Japan, Australien, Frankreich, und auch Deutschland. Nordkorea behaupt ebenfalls, bereits eine Hyperschallrakete getestet zu haben.

Chinas Militär führte im Sommer möglicherweise zwei Hyperschallwaffentests* durch, darunter den Start einer Hyperschallrakete in den Orbit, die eine nukleare Nutzlast tragen könnte. Die britische Financial Times hatte unter Berufung auf fünf ungenannte Beamte als erste über die Tests berichtet. Laut FT war die Rakete in einer niedrigen Umlaufbahn einmal um den Globus gekreist, ehe sie das anvisierte Ziel um etwa 15 Kilometer verfehlt habe. China hatte bereits 2019 eine Hyperschall-Mittelstreckenrakete namens DF-17 mit kürzerer Reichweite vorgestellt.

China: Technologischer Fortschritt durch hohe Militärausgaben

Auch wenn Chinas Militärbudget damit noch weit unter jenem der USA liegt: Sein Waffenarsenal wird durch wachsende Ausgaben immer moderner. Offiziell stieg der Militäretat der Volksrepublik 2021 um 6,8 Prozent auf rund 1,35 Billionen Yuan (umgerechnet 175 Milliarden Euro). Experten im Westen gehen allerdings davon aus, dass das jährliche offizielle Budget nicht alle Verteidigungsausgaben enthält, weil manche Militär-Posten anderen Haushalten zugeordnet werden und tatsächlich höher liegen. Das angesehene Fachmagazin Janes etwa schätzt die tatsächlichen Ausgaben für 2021 auf rund 25 Prozent höher (umgerechnet 225 Milliarden Euro).

So konnte China Hightech-Waffen entwickeln wie Kampfflugzeuge der sechsten Generation, Lasergewehre, intelligente Drohnen, neue Tarnkappen-Materialien, autonome Kampfroboter, Orbitalraumfahrzeuge, unbemannte U-Boote oder Biotechnologie wie angetriebene Exoskelette. Chinas 2017 in Betrieb genommener Tarnkappenbomber J-20 wird mit dem US-Kampfjet F-22 der 5. Generation verglichen. China besitzt inzwischen zwei Flugzeugträger; zwei weitere sind im Bau. Die Zahl der Atomsprengköpfe wird auf 200-300 geschätzt. Zugleich gelten aber große Teile der Streitkräfte weiterhin als veraltet.

Droht ein Rüstungswettlauf in Fernost?

Dass der Aufstieg Chinas indirekt ein Wettrüsten in Fernost auslöst, ist nicht ausgemacht. Es deutet sich aber immer wieder an. So testete Indien am Mittwoch von einer Insel vor seiner Ostküste aus eine atomwaffenfähige interkontinentale ballistische Rakete mit einer Reichweite von 5.000 Kilometern. Die Zeitung Times of India bezeichnete den Test als „starkes strategisches Signal an China“ inmitten eines seit 17 Monaten andauernden Grenzstreits im Himalaya.

Bhupendra Patel, Ministerpräsident des Bundesstaates Gujarat, nannte den Test auf Twitter einen „stolzen Moment für Indien“. Auch Chinas Nachbarstaaten wie Japan und Korea erwägen eine stärkere Aufrüstung. Taiwan will zudem aus Sorge vor einem Angriff mithilfe neuer Abschreckungswaffen* seine Verteidigungsfähigkeit stärken.

China und USA: Immer mehr Konfliktthemen

Zwischen den USA und China nehmen die Spannungen seit der Präsidentschaft Donald Trumps stetig zu, denn Trumps Nachfolger Joe Biden* setzt den konfrontativen Kurs fort. Er will eine Allianz der Demokratien gegen autokratische Staaten wie China und Russland bilden. Sein Außenminister Antony Blinken rief diese Woche die UN-Mitgliedsstaaten auf, Taiwan eine bedeutsame Mitarbeit in den Gremien der Weltorganisation zu ermöglichen*.

Auch beschränken die USA für immer mehr Firmen aus China den Marktzugang. Erst diese Woche entzog die Regierung der US-Tochter des staatlichen Telekommunikationskonzerns China Telecom die Lizenz. China Telecom (Americas) Corp. muss sich nun binnen zwei Monaten aus dem US-amerikanischen Markt zurückziehen. China Telecom gehört zudem zu jenen Firmen, die in den USA kein Kapital mehr aufnehmen dürfen und daher die New Yorker Börse verlassen mussten. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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