Corona-Pandemie

Falsche Corona-Inzidenzen in Hamburg: Wie konnte das passieren?

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Peter Tschentscher im Bürgermeisteramtszimmer im Rathaus.
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In Hamburg wurde mit fehlerhaften Zahlen ein Vergleich zwischen Corona-Neuinfektionen bei Ungeimpften und Geimpften angestellt.

Frankfurt – Peter Tschentscher (SPD)*, Bürgermeister von Hamburg, stand Anfang Dezember 2021 scharf in der Kritik*. Er hatte in einer offiziellen Pressekonferenz verkündet, der Anteil der Ungeimpften unter den neuen Corona*-Infizierten läge bei über 90 Prozent. Mit einer Grafik wurde diese Zahl verdeutlicht: In der Kalenderwoche 45 gab es 3452 Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Hamburg. Davon handele es sich bei 91,5 Prozent um ungeimpfte Personen und 8,5 Prozent geimpfte. Diese Diskrepanz klingt drastisch – und musste im Nachhinein korrigiert werden.

Die Abgeordnete Anna von Treuenfels (FDP*) hatte den Hamburger Senat um die konkreten Zahlen gebeten, die der Berechnung zugrunde gelegen hatten. Die Antwort und die darin enthaltenen Zahlen liegen dem NDR und der Welt vor. Nach deren Betrachtung wurde klar, dass der Impfstatus bei der großen Mehrheit der Infizierten überhaupt nicht bekannt war.

Hamburg: Corona-Fallzahlen von Ungeimpften massiv verzerrt

Die tatsächlichen Daten lauteten demnach: Lediglich 14,3 Prozent der Infizierten waren gesichert ungeimpft, 22,5 Prozent nachweislich geimpft, bei dem nicht unerheblichen „Rest“ von 63,2 Prozent war der Impfstatus schlichtweg unbekannt. Doch selbst wenn alle Personen, bei denen der Impfstatus nicht erhoben werden konnte, zu den Ungeimpften gezählt wurden, ergibt dies nicht die von Tschentscher publizierten 91,5 Prozent (sondern 77,5 Prozent).

Begründet wurde das im Nachhinein mit dem Zeitverzug, mit dem Daten teilweise nachträglich eingetragen wurden. Das könne passieren, wenn etwa eine Person ihren Impfnachweis erst später vorgelegt habe. Außerdem sei es den Gesundheitsämtern angesichts der Eskalation der Fallzahlen bei den Neuinfektionen nicht mehr möglich gewesen, alle Daten zeitnah und vollständig zu erheben. Zudem habe es IT-Probleme gegeben, so Tschentscher. In den Wert für Ungeimpfte gingen daher auch Fälle ein, bei denen der Impfstatus ungeklärt war.

Corona-Statistik: Logische Fehler bei der Vergleichbarkeit in Hamburg

Doch auch, wenn alle Daten rechtzeitig und vollständig vorliegen, gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen den Gruppen der Ungeimpften und der Geimpften: Ungeimpfte Personen mussten in der jüngsten Vergangenheit durch 3G-Regelungen weitaus häufiger aktuelle Corona-Tests vorlegen.

Für die statistische Vergleichbarkeit der beiden Gruppen ist das fatal, denn wie hinreichend bekannt ist, verlaufen viele Covid-Erkrankungen völlig asymptomatisch. Die Infizierten haben weder Schnupfen noch Husten. Diese stillen Infektionen werden durch das häufige Testen bei ungeimpften Personen allerdings auch häufiger erkannt, was wiederum die Zahlen beeinflusst.

Corona-Pandemie: Hamburgs Bürgermeister bedauert „Datenpanne“

Eine Vergleichbarkeit der beiden Gruppen könnte rechnerisch hergestellt werden, dafür müsste jedoch erfasst werden, ob die Infizierten Symptome zeigen. Die Anzahl der asymptomatischen Fälle könnte daraufhin ausgeklammert werden. Somit werden symptomatische Infektionen von Ungeimpften mit symptomatischen Infektionen von Geimpften verglichen.

Diese „Datenpanne“ sprach Tschentscher auf der Landespressekonferenz (11.01.2022) noch einmal an: „Auf die Idee sind wir zu dem Zeitpunkt gar nicht gekommen, dass man das so stark einschränken musste“, sagte er. „Wir möchten unsere Maßnahmen gerne plausibel und überzeugend begründen – und dazu gehören richtige Zahlen“, sagte Tschentscher nach der Sitzung des Senats. „Die Verunsicherung, die dadurch entstanden ist, bedauere ich sehr.“ Kritiker hatten dem SPD-Politiker vorgeworfen, den Bürger:innen absichtlich falschen Zahlen vorgelegt zu haben, um Corona-Maßnahmen zu rechtfertigen.

Täuschungsvorwürfe wies der Bürgermeister entschieden zurück: „Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war allen nicht bewusst, dass es diese grobe Abweichung von der Realität gibt.“ Auf Grundlage der Daten seien keine falschen Entscheidungen getroffen worden, denn die Tendenz der Zahlen sei die gleiche geblieben. (na/dpa/lno) *fr.de und Merkur.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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