Lage hat sich massiv gedreht

Nach Corona: In Polen droht Fachkräftemangel - Experten fordern nun den „Mentalitätswandel“

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Straßenszene in Warschau: Bauarbeiter vor den Sehenswürdigkeiten der polnischen Hauptstadt in Aktion.

Die Corona-Krise hat Europas Wirtschaft hart getroffen. Im deutschen Nachbarland Polen fehlt es wohl dennoch bald an passenden Arbeitskräften - Experten fordern dort ein Umdenken.

Warschau – Die Corona-Krise hat die Wirtschaft in der EU hart getroffen - doch es gibt auch positive Signale. In Deutschland wie auch im östlichen Nachbarland Polen. Dort droht offenbar bald sogar ein Fachkräftemangel.

Anfang Juli bescheinigte ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowohl Deutschland als auch Polen stabile und krisenresistente Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Trotz der Coronakrise. Den Daten zufolge könnte Polen bereits Mitte 2021 den Beschäftigungsstand von vor der Krise erreichen. Das belegen auch die Ergebnisse von Arbeitsagenturen, die für den Juni etwa 10 Prozent mehr ausgeschriebene Stellen identifizierten als zum selben Zeitpunkt im Jahr 2019.

Gleichzeitig gab das polnische Ministerium für Bildung und Forschung im Februar bekannt, dass in den Bereichen Automatisierungstechnik, Dachdeckerhandwerk, Bahnmonteurwesen, Straßenbautechnik, Programmiertechnik, Robotik und Schweißtechnik der Bedarf besonders hoch ist. Dabei hat sich Polen zuletzt schon zumindest für Arbeitsmigration geöffnet.

Polen: Deutschlands Nachbarland steht vor Fachkräftemangel - Lage hat sich gedreht

Laut dem Barometer des polnischen Arbeitsmarktes für 2020 leidet insbesondere die boomende Baubranche unter dem Fachkräftemangel. Es gibt einen hohen Bedarf an nicht-studierten Arbeitskräften. Der Hintergrund: Polens Schülerinnen und Schüler streben zu 45 Prozent das klassische Allgemeinabitur an. Unterdessen sinkt seit Jahrzehnten die Zahl und teilweise auch die Qualität von Berufsausbildungen. Dabei sind gerade die technischen und handwerklichen Kenntnisse auf dem Arbeitsmarkt besonders gefragt.

Sonia Buchholtz von der renommierten Hochschule für Wirtschaft (Szkoła Główna Handlowa) in Warschau sieht aber in der demografischen Entwicklung langfristig die entscheidende Gefahr für den polnischen Arbeitsmarkt - und damit auch für die polnische Wirtschaftsentwicklung. Im Jahr 2020 war die Altersstruktur in den polnischen Unternehmen noch zufriedenstellend, denn Beschäftigte im Alter von 25 bis 44 Jahren machten über die Hälfte der Mitarbeiter aus. Im nächsten Jahrzehnt dürfte diese Quote auf unter 40 Prozent sinken.

Noch in den 1990er Jahren mangelte es in Polen* vor allem an Kapital. Riesige Jahrgänge aus den 1970er- und 1980er-Jahren führten auf dem Arbeitsmarkt zu einer Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent. In der dritten Dekade der 2000er-Jahre hat sich die Situation genau umgekehrt. Es fehlt nicht an Kapital, sondern an Arbeitskräften - und vor allem an „Arbeitsköpfen“, wie es eine junge Wissenschaftlerin in einer Publikation formulierte. Die Differenz zwischen der Anzahl der Beschäftigten, die in den Ruhestand gehen und der Zahl der Personen, die nach Schul- und Uniabschluss auf den Arbeitsmarkt kommen, lag schon 2019 bei 150.000. Zwischen 2020 und 2029 dürfte dieses Minus auf etwa eine Million Arbeitnehmer anwachsen.

Corona: Boom nach der Krise in Polen in Gefahr? Auch Frauen fehlen dem Arbeitsmarkt

Der Mangel an Arbeits- und Fachkräften verstärkt sich noch zusätzlich durch das Renteneintrittsalter von 60 für Frauen und 65 für Männer. Hinzu kommt eine nach wie vor niedrigere Beschäftigungsquote bei Frauen. Viele ziehen sich aus dem Berufsleben zurück, um Kinder und Familienmitglieder zu versorgen.

Längst mangelt es an Beschäftigen sowohl in der freien Wirtschaft als auch bei den Behörden. Als besonders alarmierend wirkten zuletzt hohe Vakanzen bei der Polizei und in der Medizin: Die Gewerkschaft der Polizei meldete noch Ende 2019 4461 unbesetzte Polizistenstellen. Im Juli war diese Lücke schon auf 7842 Stellen gewachsen. Zwar ist diese Größenordnung angesichts der Gesamtanzahl von 103.309 Ordnungshütern in Polen noch nicht dramatisch - doch auffällig ist die starke Dynamik, mit der die Anzahl der unbesetzten Stellen zunimmt.

Polen: „Mentalitätswandel“ nötig? Auch die Entlohnung bereitet Kopfzerbrechen

Buchholtz empfiehlt, die berufliche Ausbildung von jungen Menschen und die Lebensarbeitszeit anzupassen. Junge Menschen sollten die Möglichkeit erhalten, praxisorientierter auf das Berufsleben vorbereitet zu werden, fordert sie. Nur so bekämen sie die Chance, tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt benötigte fachliche Kenntnisse zu erwerben. Für ältere Arbeitnehmer empfiehlt Buchholtz eine verstärkte Berücksichtigung des lebenslangen Lernens. Bereits in Polen existierende Institutionen, wie die „Unis für den dritten Lebensabschnitt” („Uniwersytet Trzeciego Wieku“) sollten stärker genutzt werden.

Übereinstimmend halten die Experten aber einen grundsätzlichen Mentalitätswandel für nötig: Der beruflichen Ausbildung müsse die verdiente Wertschätzung entgegengebracht werden. Viel zu lange galt die akademische Laufbahn als der optimale Karriereweg und Garant für den sozialen Aufstieg.

In finanzieller Hinsicht sind aber inzwischen viele der technischen Berufe besonders attraktiv. Das gilt allerdings vor allem für die Industrie und für die Baubranche. Bei den Dienstleistungen und im Gesundheitswesen bleibt die Situation unbefriedigend: Eine Anästhesie-Krankenschwester etwa kann in Polen nur mit einem Bruttomonatsgehalt von gerade einmal 1200 Euro rechnen. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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