Corona-Politik

Millionen Dosen zu viel bestellt? Harte Kritik an Lauterbachs Booster-Plan

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Während der Gesundheitsminister kürzlich noch alle aufrief, sich vorm Winter den zweiten Booster zu sichern, sehen andere Fachleute den Vorschlag kritisch.

Berlin – Seit Wochen wird in Politik und Medizin über den Fortgang der Corona-Impfkampagne diskutiert und die Meinungen gehen dabei deutlich auseinander: Während der SPD-Gesundheitsminister und Mediziner Karl Lauterbach alle Menschen in Deutschland dazu aufrief, sich zum Schutz vor einer erneuten Corona-Welle im Herbst und Winter möglichst ein zweites Mal boostern zu lassen, raten Stiko und nun auch Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) von der vierten Impfung für alle ab. Die Begründung: „Viel hilft nicht immer viel!“

Das offizielle Ziel der Bundesregierung, im Herbst und Winter 50 bis 60 Millionen weitere Impfdosen zu verbrauchen, bezeichnete KBV-Chef Andreas Gassen im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung als „unrealistisch“ und warf Lauterbachs Gesundheitsministerium, das Medienberichten zufolge für 2022 bereits weit über 100 Millionen Dosen bestellt haben soll, Ressourcenverschwendung vor.

Für seinen Vorschlag, auch unter 60-Jährige erneut zum Boostern zu schicken, erntete Gesundheitsminister Lauterbach viel Kritik. (Archivfoto)

Corona-Impfungen: KBV rechnet mit Bedarf von 30 Millionen Dosen bis Ende 2022

Der tatsächliche Bedarf sei nach Berechnungen der KBV nämlich deutlich überschaubarer: „Bei einem zweiten Booster für alle ab 60, einem ersten Booster für alle Jüngeren und einem üppigen Kontingent für Ungeimpfte – ohne große Hoffnung, dass bisherige Impfskeptiker sich jetzt impfen lassen – kommen wir – großzügig gerechnet – auf rund 30 Millionen Impfungen.“

Auch Lauterbachs Appell an alle unter 60-Jährigen, sich einen zweiten Booster abzuholen, hält der Kassenärztechef für falsch. „Unter anderem aus israelischen Studien wissen wir, dass ein zweiter Booster bei jüngeren Gesunden nicht sinnvoll ist“, sagte Gassen und betonte, dass Lauterbach von zahlreichen Forschenden aber auch Medizinerinnen und Medizinern skeptisch gesehen würde: „Alle paar Monate unkritisch eine Boosterimpfung, nur, weil so viel Impfstoff bestellt wurde?“, fragte Gassen. „Etliche Immunologen warnen davor! Viel hilft nicht immer viel.“

Zweiter Corona-Booster: Viele Geimpfte haben ausreichend vorgesorgt

Für Gassen seien mögliche Pandemie-Entwicklungen im Herbst und Winter kein Grund für eine solche Empfehlung, jedenfalls nicht, solange es keine neuen und deutlich gefährlicheren Varianten gebe. „Ich werde mir jedenfalls keinen zweiten Booster geben lassen“, sagte Gassen. „Selbst bei den gesunden älteren Menschen wäre ich mit der Viertimpfung zurückhaltend, insbesondere, wenn sie gerade schon eine Omikron-Infektion überstanden haben.“

Entsprechend sieht der Kassenärztechef auch die Menge an bestellten Impfstoff-Dosen gegen das Corona-Virus kritisch: Wenn Lauterbach wie von Medien berichtet mehr als 200 Millionen Dosen bestellt habe, „ist zu erwarten, dass Impfstoff im Wert von möglicherweise hundert Millionen Euro oder mehr weggeworfen werden muss“.

Einem Bericht der Tagesschau zufolge hatte das Gesundheitsministerium unter Lauterbach allein „zwischen Anfang Dezember 2021 und Ende Juni dieses Jahres rund 134,3 Millionen Impfdosen bestellt“. Die Zahl derer, die sich impfen ließen, hätte aber deutlich darunter gelegen. Mitte des Monats war darüber berichtet worden, dass 3,9 Millionen Impfdosen des US-Herstellers Moderna verfallen waren und vernichtet werden mussten. (ska mit AFP)

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

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