Einwurf Katar

Nahost-Experte im WM-Interview: „Wir sind nicht in der Position, einen Boykott auszurufen“

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Fans von Hertha BSC fordern im Olympiastadion einen WM-Boykott. „Wir sind nicht in der Position, einen Boykott auszurufen“, meint Dr. Nicolas Fromm.
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Die WM läuft. Bei aller Katar-Kritik dürfe man nicht den „Kern des Problems“ vergessen, meint Politologe Nicolas Fromm im Interview. „Und da spielt auch Deutschland gerne mit.“

München – Dr. Nicolas Fromm ist Politikwissenschaftler an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg – mit Forschungsschwerpunkt auf den arabischen Golfstaaten, insbesondere Katar. Im Interview mit dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA spricht Fromm über den Emir von Katar, eine regionale arabische Moderne und überhebliche Kritik.

Merkur.de: Herr Fromm, Tamim, der Emir von Katar, hat die vermeintliche liberale Politik seines Vaters Hamad fortgesetzt. Tamim soll sich auch persönlich für die Bewerbung der WM 2022 eingesetzt haben.
Nicolas Fromm: Seit 2013 ist Hamads Sohn Tamim der Emir des Landes und führt im Wesentlichen die Projekte fort, die in der Regierungszeit seines Vaters angestoßen wurden. Dazu gehört natürlich auch die erfolgreiche Bewerbung um die Fußball-WM 2022. Mit diesem wichtigen Projekt war Tamim bereits als Kronprinz betraut, insofern ist davon auszugehen, dass es für ihn auch ganz persönlich ein besonders wichtiger Moment war, als die erste WM-Partie auf katarischem Boden am Sonntag angepfiffen wurde.
Geschah die WM-Bewerbung auch aus Sicherheitsdenken heraus, um der Welt zu zeigen, dass man wichtig ist?
Absolut richtig. Wenn man sich die aufgrund der Landesgröße stark eingeschränkten militärischen und personellen Ressourcen Katars bewusst macht, ist internationale Aufmerksamkeit die wichtigste Währung für Katars Sicherheit und Unabhängigkeit. Das zeigte sich auch während der Katar-Krise 2017 bis 2021, als das Land von seinen Gegnern diplomatisch und wirtschaftlich isoliert wurde. Dank tatkräftiger Unterstützung aus dem Ausland konnte Katar die Blockade gut überstehen und das Regime ist sogar gestärkt daraus hervorgegangen.

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Katar gibt sich gerne liberal und offen, vor allem seit der WM-Vergabe. Wie sehr bestimmen religiöse Strukturen trotzdem noch das Leben im Emirat?
Wir nehmen die Situation im Land oft als großen Widerspruch wahr, immerhin gilt es, eine auch von religiösen Bräuchen stark geprägte arabische Tradition mit den Erwartungen der Touristen und der qualifizierten Gastarbeiter zu vereinbaren, was zu sozialen Konflikten führen kann. Grundsätzlich gestaltet sich das aber nicht als ein Ringen um Einfluss, bei dem eine Seite letztlich die Oberhand gewinnen muss. Sondern wir beobachten die Entstehung einer regionalen arabischen Moderne, die nicht in allen Punkten mit unseren Vorstellungen eines modernen Staates übereinstimmen muss.
Sie beschreiben in Ihrem Buch das „Nation Branding“ von Katar. Was hat es damit auf sich? Und wie wichtig ist dabei der Sport und besonders die WM?
Nation Branding ist mittlerweile eine wichtige Ressource für alle Staaten, denn das Image von Staaten wird nicht nur im Tourismus immer wichtiger. Dabei ist Nation Branding mehr als Werbung, es zielt vielmehr auf eine Beeinflussung der lokalen Politik ab, um international positiver wahrgenommen zu werden. Das Ausrichten großer Sportveranstaltung kann dabei eine zentrale Rolle spielen, immerhin werden mit sportlichen Wettkämpfen in der Regel positive Werte verknüpft, zum Beispiel Wettbewerb, Fairness, Toleranz etc., die dann auch auf den Gastgeber abfärben sollen. Gerade in Katar geht es weniger darum, die sportliche Leistungsfähigkeit der katarischen Mannschaft zu demonstrieren, als das Land als Gastgeber auf einer Liste mit bedeutenden etablierten Staaten zu sehen.

Katar-WM: „Wir sind nicht in der Position, einen Boykott auszurufen“

Ein Boykott der Spiele wurde von vielen Seiten abgelehnt. Bundeskanzler Scholz sah Fortschritte im Land. Wie wichtig ist Katar mittlerweile für die Weltpolitik?
Einen Boykott finde auch ich aus zwei Gründen nicht richtig: Erstens ist Katar tatsächlich mittlerweile ein wichtiger Partner für uns. Dabei denke ich nur in zweiter Linie an die möglichen Lieferverträge für katarisches Flüssiggas, sondern vor allem an das politische und diplomatische Gewicht Katars in vielen Regionen, in denen wir keine eigenen Netzwerke und Interessenvertretungen haben. So stören sich zwar viele an der Austragung der WM in Katar, ignorieren dabei aber die Tatsache, dass uns Katar seit Abzug der internationalen Truppen in Afghanistan diplomatisch vertritt und bei der Evakuierung des Landes viele deutsche Staatsangehörige über Katar ausgeflogen wurden. Zweitens sehe ich uns bei aller berechtigten Kritik nicht in der Position, einen Boykott auszurufen. Im Kern des Problems steht nämlich nicht allein Katar, sondern einerseits das internationale System der wirtschaftlichen Ausbeutung und andererseits das System FIFA, und in beiden Systemen spielt auch Deutschland jeden Tag aufs Neue gerne mit.
Viele Experten befürchten, dass die WM zu keiner Verbesserung führt. Muss man Katar mehr Zeit lassen, um einen Wandel voranzutreiben?
Die Kritik an den Arbeitsbedingungen vor Ort hat schon im Vorfeld der WM zu einer merklichen Verbesserung der Situation geführt, diese Gesetzesänderungen werden auch nach der WM weiter wirken. Es wäre zu wünschen, dass auch andere Golfstaaten mitziehen. Grundsätzlich sind wir nicht diejenigen, die bei der Entwicklung Katars mit latent kolonialem Anspruch die Richtung vorgeben, stattdessen erhält Katar Inspirationen aus der ganzen Welt und sucht seinen eigenen Weg, auch mit dieser WM. Wir können diesen Prozess kritisch-konstruktiv begleiten, aber ohne Überheblichkeit.

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