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Kirchen-Beben: Ratzinger und Marx im Fokus - Söder spricht von neuem „Abgrund“

Nach Veröffentlichung des erschütternden Gutachtens zu Fällen sexueller Gewalt im Erzbistum München und Freising werden Forderungen nach mehr Kontrolle der katholischen Kirche laut.

  • Das neue Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising erschüttert die katholische Kirche (siehe Erstmeldung).
  • Es erhebt schwere Vorwürfe gegen den emeritierten Papst Benedikt XVI. (siehe Update vom 20. Januar, 15 Uhr).
  • Die Bundesregierung fordert die Kirche zur umfassenden Aufarbeitung auf (siehe Update vom 21. Januar, 13.25 Uhr).

Update vom 21. Januar, 14.35 Uhr: Nach der Bundesregierung hat jetzt auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eine konsequente Aufarbeitung und „null Toleranz“ gegenüber Tätern gefordert. „Das ist natürlich ein langer und schwieriger Blick in den Abgrund, insbesondere, weil es um viele menschliche Schicksale geht“, sagte der CSU-Chef am Freitag in München über das neuerliche Gutachten zu Missbrauch in der katholischen Kirche.

Die Kirche müsse nun für eine schnelle und klare Aufarbeitung sorgen. Strukturen müssten so geändert werden, dass Derartiges in Zukunft verhindert werde. Und beim Umgang mit den Tätern müsse „null Toleranz“ der Maßstab sein. Söder betonte, er sei fest überzeugt, dass die Kirche in vielerlei Hinsicht einen ganz wichtigen Beitrag fürs Land leiste, dass von den Menschen dort unendlich viel Gutes geleistet werde.

Dies sei aber nun „ein schwerer Moment für alle engagierten Christen und vor allem auch alle Anhänger der Institution Kirche“. „Die Kirche steht in einer ganz besonderen moralischen Garantenstellung.“ Angesichts des entstandenen Vertrauensverlusts sei nun eine konsequente Aufarbeitung nötig, sagte Söder, der selbst evangelisch ist. Er fügte hinzu: „Das hat vielleicht alles schon viel zu lange gedauert.“

Update vom 21. Januar, 13.25 Uhr: Nach der Veröffentlichung eines aufsehenerregenden Gutachtens zu Fällen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Erzbistum München und Freising fordert die Bundesregierung die katholische Kirche zu einer umfassenden und transparenten Aufarbeitung auf. Das Gutachten sei dafür ein wichtiger Schritt, dem aber weitere folgen müssten. Es mache erneut das Ausmaß des Missbrauchs und der Pflichtverletzung kirchlicher Würdenträger deutlich, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Hoffmann am Freitag.

Entscheidend sei, dass das Vertrauen in den Aufarbeitungswillen der katholischen Kirche und von einzelnen Würdenträgern gestärkt werde. Der Missbrauch und der anschließende Umgang mit den Taten „machen fassungslos“, sagte Hoffmann. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche bedeute unendliches Leid für die Opfer und sei „schier unbegreiflich“.

Ein Sprecher des Justizministeriums ergänzte, die Vorfälle seien keine innere Angelegenheit der Kirchen. Wo immer sich Anhaltspunkte für Straftaten ergäben, die noch verfolgt werden könnten, müssten diese auch verfolgt werden. Er verwies darauf, dass diesbezüglich der Münchener Fälle geschehe.

Der Strafrechtsprofessor Holm Putzke sprach sich für Konsequenzen aus. „Nachdem das eine Never-Ending-Story zu sein scheint, sollte der Staat alle Kindertagesstätten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine Trägerschaft der katholischen Kirche gibt, oder sogar über einen Entzug der Trägerschaft nachdenken“, forderte er.

Die Kirchen müssten von Gesetzes wegen genauso behandelt werden wie jede andere Vereinigung. „Für irgendeine besondere Rücksichtnahme, man kann es auch als ‚Beißhemmung‘ bezeichnen, besteht überhaupt kein Anlass“, sagte Putzke der Deutschen Presse-Agentur.

Missbrauch in der Kirche: Staatsanwaltschaft ermittelt

Update vom 21. Januar, 7.05 Uhr: Das neue Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising erschüttert die katholische Kirche. Betroffene erheben schwere Vorwürfe und die Justiz prüft, ob kirchliche Verantwortungsträger sich womöglich strafbar gemacht haben.

Die Staatsanwaltschaft München I untersucht derzeit 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger, bestätigte die Sprecherin der Behörde, Anne Leiding, der Deutschen Presse-Agentur. Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das aufsehenerregende Urteil im Auftrag des Bistums verfasst hat, habe der Staatsanwaltschaft im August 2021 „41 Fälle zur Verfügung gestellt“, sagte Leiding - und einen weiteren Fall im November 2021. „Sie betreffen ausschließlich noch lebende kirchliche Verantwortungsträger und wurden stark anonymisiert übermittelt.“

Sollten sich auf dieser Basis „Verdachtsmomente hinsichtlich eines möglicherweise strafrechtlich relevanten Verhaltens der kirchlichen Verantwortungsträger ergeben“, würden die entsprechenden Unterlagen bei der Kanzlei angefordert und gegebenenfalls an die zuständigen Staatsanwaltschaften weitergegeben, sagte Leiding. „Welche strafrechtlichen Normen verletzt wurden, ist noch Gegenstand der Prüfung.“

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene WSW-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vor. Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen (siehe Update vom 20. Januar, 15 Uhr).

Kirchen-Beben: Gutachten kommt zu vernichtendem Ergebnis

Update vom 20. Januar, 15 Uhr: Eine neues Gutachten über sexuellen Missbrauch im Erzbistum München und Freising erhebt schwere Vorwürfe gegen den emeritierten Papst Benedikt XVI. Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger habe in seiner Zeit als Münchner Erzbischof Missbrauchstäter „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ wissentlich in der Seelsorge eingesetzt und darüber die Unwahrheit gesagt. In insgesamt vier Fällen werfen ihm die Gutachter Fehlerverhalten vor.

Mindestens 497 Kinder und Jugendliche sind laut der am Donnerstag vorgestellten Studie zwischen 1945 und 2019 in dem katholischen Bistum von Priestern, Diakonen oder anderen Mitarbeitern der Kirche sexuell missbraucht worden. Mindestens 235 mutmaßliche Täter gab es laut der Anwaltskanzlei - darunter 173 Priester und 9 Diakone. Allerdings sei dies nur das sogenannte Hellfeld. Es sei von einer deutlich größeren Dunkelziffer auszugehen. Anwalt Ulrich Wastl sprach von einer „Bilanz des Schreckens“.

40 Kleriker seien auch nach Missbrauchsfällen weiterhin in der Seelsorge tätig gewesen beziehungsweise sei dies geduldet worden. Bei 18 davon erfolgte dies sogar nach „einschlägiger Verurteilung“, wie Wastls Kollege Martin Pusch sagte. Insgesamt seien bei 43 Klerikern „gebotene Maßnahmen mit Sanktionscharakter“ unterblieben. Dafür verantwortlich - auch das macht das Gutachten klar - sind aus Sicht der Anwälte vor allem die Münchner Bischöfe und Generalvikare und damit auch der spätere Papst Benedikt XVI., der von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising war.

Kirchen-Beben: Papst Benedikt und Kardinal Marx im Fokus

Fehlverhalten in vier Fällen halten die Anwälte Ratzinger vor. In zwei davon soll er Priester, bei denen er „überwiegend wahrscheinlich“ von ihrer Missbrauchsvergangenheit wusste, nach Bayern geholt haben. In allen Fällen habe Benedikt ein Fehlverhalten strikt zurückgewiesen. Seine 82 Seiten lange Stellungnahme ist im Anhang des Gutachtens zu lesen, das inzwischen auf der Internetseite der Kanzlei veröffentlicht wurde. In einem dieser Fälle geht es um einen Priester, der im Ausland rechtskräftig wegen Missbrauchs verurteilt worden war, in einem anderen um den bekannten Fall eines Priesters aus Essen, der trotz Vorfällen in Nordrhein-Westfalen in Bayern wieder als Seelsorger mit Kindern und Jugendlichen arbeitete#.

Besonders brisant: Die Gutachter gehen davon aus, dass Ratzinger in Bezug auf die Fälle nicht die Wahrheit gesagt hat. Denn laut der Studie legt ein Sitzungsprotokoll nahe, dass er - anders als er selbst behauptet - 1980 als Erzbischof von München sehr wohl bei dem heiklen Treffen dabei war, bei dem beschlossen wurde, dass der Priester nach Bayern übersiedeln soll. Der Geistliche missbrauchte dort später erneut Kinder und wurde dafür rechtskräftig verurteilt. Noch wenige Tage vor der Veröffentlichung des Gutachtens hatte Benedikt über seinen Privatsekretär Georg Gänswein alle Vorwürfe gegen ihn zurückgewiesen. Der Jurist Wastl sagte, er halte Benedikts Angabe, er sei in dieser Sitzung nicht anwesend gewesen, für „wenig glaubwürdig“.

„Das ist sein persönliches Waterloo“, sagte der renommierte Kirchenrechtler Thomas Schüller der Deutschen Presse-Agentur. „Joseph Ratzinger hat die letzte Chance vertan, reinen Tisch zu machen. Er wird der Unwahrheit überführt und demaskiert sich damit selbst als aktiver Vertuscher. Er fügt der katholischen Kirche und dem Papstamt damit einen irreparablen Schaden zu.“

Das Gutachten stellt der katholischen Diözese insgesamt ein schlechtes Zeugnis aus. Auch in jüngster Zeit habe kein „Paradigmenwechsel“ mit dem Fokus auf die Betroffenen stattgefunden, sagte Pusch. „Bis in die jüngste Vergangenheit und teils auch heute noch begegnen Geschädigte Hürden.“ Ein aktives Zugehen auf die Opfer gebe es nicht. Pusch sieht ein „generelles Geheimhaltungsinteresse“ und den „Wunsch, die Institution Kirche zu schützen“. Der Münchner Generalvikar Christoph Klingan zeigte sich am Donnerstag „bewegt und beschämt“. „Meine Gedanken sind in dieser Stunde zunächst bei den Betroffenen, bei den Menschen, die durch Mitarbeiter der Kirche in der Kirche schweres Leid erfahren haben“, betonte er. „Den Betroffenen muss unser erstes Augenmerk gelten.“

Katholische Kirche: Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising

Update vom 20. Januar, 14 Uhr: Der Münchner Generalvikar Christoph Klingan hat sich nach der Vorstellung eines Gutachtens zu sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising „bewegt und beschämt“ gezeigt. „Meine Gedanken sind in dieser Stunde zunächst bei den Betroffenen, bei den Menschen, die durch Mitarbeiter der Kirche in der Kirche schweres Leid erfahren haben“, sagte er am Donnerstag in München. „Den Betroffenen muss unser erstes Augenmerk gelten.“

Das vom Bistum in Auftrag gegebene Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vor. Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen. Er war - trotz Einladung - nicht zur Vorstellung des Gutachtens erschienen und wollte sich später am Nachmittag dazu äußern.

Erstmeldung vom 20. Januar, 12.15 Uhr:

München – Ein Gutachten lastet dem emeritierten Papst Benedikt XVI. in vier Fällen Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch während seiner Zeit als Erzbischof des Bistums München und Freising an. Das sagte der Jurist Martin Pusch am Donnerstag bei der Vorstellung des Gutachtens in München. In allen Fällen habe Benedikt – damals Kardinal Joseph Ratzinger – ein Fehlverhalten strikt zurückgewiesen.

Katholische Kirche: Neues Missbrauchs-Gutachten aus München belastet Papst Benedikt schwer

Das Gutachten wirft auch dem früheren Erzbischof von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter, 21 Fälle von Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch vor. Wetter habe die Fälle zwar nicht bestritten, ein Fehlverhalten seinerseits aber schon, sagte Pusch. Auch dem Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx wird Fehlverhalten im Umgang mit zwei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch attestiert. Es gehe dabei um Meldungen an die Glaubenskongregation in Rom, wie die Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten im Auftrag des Erzbistums München und Freising erstellt hat, am Donnerstag in München mitteilte. (dpa/aka) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Die Pfarrgemeinderatsvorsitzenden Wolfgang Lanzinger und Thorsten Berner blicken mit Sorge auf die Missbrauchsstudie*, die das Erzbistum München und Freising veröffentlichen wird.

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann / picture alliance

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