Nahe einer Mini-Insel

Zwischenfall direkt vor dem Festland: Taiwan schießt erstmals chinesische Drohne ab

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Im Hintergrund die Hochhäuser Festlandchinas: Nahe dem taiwanischen Inselchen Shihyu schoss das Militär erstmals eine chinesische Drohne ab.
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Taiwan hat erstmals eine chinesisches Flugobjekt in unmittelbarer Nähe einer eigenen Mini-Insel abgeschossen. Der Konflikt schaukelt sich weiter hoch.

Taipeh/München – Seit Wochen dringt China immer öfter in den Luftraum rund um Taiwan ein: mit Kampfjets, Hubschraubern – und zuletzt auch mit Drohnen. Am Donnerstag haben taiwanische Soldaten nun zum ersten Mal eine solche Drohne abgeschossen, nahe einer Mini-Insel direkt vor dem chinesischen Festland. Die „zivile Drohne unbekannter Herkunft“ war nach Angaben des Verteidigungsministeriums in die „Sperrzone“ des zur taiwanischen Inselgruppe Kinmen gehörenden Eilands Shihyu eingedrungen, das nur rund drei Kilometer vor der Küste liegt. Die auf Shihyu stationierten Soldaten hätten zuvor vergeblich versucht, die Drohne aus der Zone zu vertreiben, teilte das Militär mit. Vor dem Abschuss habe man zudem Warnungen abgegeben.

Taiwan ist alarmiert angesichts der immer zahlreicheren Provokationen Chinas. Erst am Mittwoch hatte das Militär in Taipeh mit nicht näher definierten „Gegenangriffen“ gedroht, sollten chinesische Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe in sein Hoheitsgebiet eindringen.

Taiwan: Militärische Außenposten direkt vor der Küste

Taiwan besitzt eine ganze Reihe kleiner Inseln, die in unmittelbarer Nähe des chinesischen Festlands liegen. Bewohner von Inseln wie Kinmen konnten genau beobachten, wie in den Städten entlang der Küste die Hochhäuser in den Himmel wuchsen – und bekommen Propagandaposter zu lesen, die mit riesigen Zeichen für die Wiedervereinigung werben. Diese Inseln wurden in den 1950er-Jahren von Chinas Artillerie beschossen und sind seither bis an die Zähne bewaffnet.

Nahe diesen Außenposten seines Militärs hatte Taiwan in den vergangenen zwei Wochen eine ganze Reihe von Zwischenfällen mit kleinen Drohnen gemeldet. Bereits am Dienstag hatten Soldaten erstmals Warnschüsse in Richtung einer Drohne abgefeuert. Taiwan geht bei diesen Drohnen offenbar von gezielten Nadelstichen oder Beobachtungsmissionen aus. Denn natürlich können auch zivile Drohnen Aufnahmen des Bodens machen – und diese an Chinas Militär weitergeben.

China mit gezielten Provokationen nahe Taiwan

Ebenfalls am Donnerstag entdeckte Taiwans Militär zudem 23 chinesische Kampfjets auf seiner Seite der Mittellinie zwischen der Insel und dem Festland. Auch das ist eine gezielte Provokation, wie sie seit dem Besuch der US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi in Taipeh immer häufiger vorkommt. Am Montag waren es zwölf chinesische Kampfjets gewesen, am vergangenen Dienstag neun. Außerdem waren in der vergangenen Woche Dutzende von Flugzeugen und mehrere Kriegsschiffe in anderen Gewässern nahe Taiwan unterwegs.

Der Pelosi-Besuch hatte Anfang August schwere Spannungen zwischen China, Taiwan und den USA ausgelöst. Peking sieht das demokratisch regierte Taiwan als abtrünnige Provinz an und droht immer wieder mit einer gewaltsamen Eroberung der Insel. Es gesteht Taipeh keinerlei offizielle internationalen Beziehungen zu. Und so begann die Volksbefreiungsarmee direkt nach Pelosis Abflug mit groß angelegten Manövern rings um die Inselrepublik.

Die Manöver endeten nach einigen Tagen, die Nadelstiche blieben. Im August sichtete Taiwans Militär 446 chinesische Kampfjets in der eigenen Luftverteidigungszone (ADIZ) – so viele wie noch nie in einem Monat. Der bisherige Rekord lag bei 196 Überflügen im Oktober 2021. Erst im September 2020 hatte Taiwan überhaupt damit begonnen, Daten über Verletzungen seiner ADIZ zu veröffentlichen. Eine solche Zone ist deutlich größer als der eigentliche Luftraum. So reicht Taiwans ADIZ bis zum Festland. Doch auch wenn der Luftraum selbst nicht betroffen sein mag: Diese ADIZ-Verletzungen sind eine Bedrohung.

USA: China will an der Taiwanstraße den Status quo ändern

Die Militärmanöver Chinas rund um Taiwan stellen aus Sicht der USA einen Versuch Chinas dar, den Status quo in der Taiwanstraße dauerhaft zugunsten der Volksrepublik zu ändern. Durch das Überqueren der bislang meist respektierten Mittellinie mit Kampfjets, Kriegsschiffen oder Drohnen versuche China, „eine Art neue Normalität für ihre Aktivitäten und ihr Verhalten festzulegen“, sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates der US, John Kirby, am Mittwoch. „Wir haben öffentlich sehr deutlich gemacht, dass eine Änderung des Status quo inakzeptabel ist – und dass wir das nicht anerkennen werden.“

Ähnlich hatte sich im August Taiwans Außenminister Joseph Wu geäußert: „Wir müssen uns mit gleichgesinnten Partnern zusammentun, um sicherzustellen, dass die Mittellinie bestehen bleibt, um Frieden und Stabilität in der Taiwanstraße zu sichern.“ Für Taiwan ist die unsichtbare Mittellinie im Meer ein wichtiger Puffer. Die Taiwanstraße ist im Schnitt etwa 180 Kilometer breit. Doch an ihrer schmalsten Stelle ist die Medianlinie nur etwa 40 Kilometer von Taiwans Gewässern entfernt. 

China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt

Taiwans F-16-Kampfjet (links) überwacht einen der beiden chinesischen H-6-Bomber, die den Bashi-Kanal südlich von Taiwan und die Miyako-Straße in der Nähe der japanischen Insel Okinawa überflogen.
Seit Jahrzehnten schon schwelt der Taiwan-Konflikt. Noch bleibt es bei Provokationen der Volksrepublik China; eines Tages aber könnte Peking Ernst machen und in Taiwan einmarschieren. Denn die chinesische Regierung hält die demokratisch regierte Insel für eine „abtrünnige Provinz“ und droht mit einer gewaltsamen „Wiedervereinigung“. Die Hintergründe des Konflikts reichen zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. © Taiwan Ministry of Defence/AFP
Chinas letzter Kaiser Puyi
Im Jahr 1911 zerbricht das viele Jahrtausende alte chinesische Kaiserreich. Der letzte Kaiser Puyi (Bild) wird abgesetzt, die Xinhai-Revolution verändert China für immer. Doch der Weg in die Moderne ist steinig. Die Jahre nach der Republikgründung waren von Wirren und internen Konflikten geprägt.  © Imago
Porträt von Sun Yatsen auf dem Tiananmen-Platz in Peking
Im Jahr 1912 gründet Sun Yat-sen (Bild) die Republik China. Es folgen Jahre des Konflikts. 1921 gründeten Aktivisten in Shanghai die Kommunistische Partei, die zum erbitterten Gegner der Nationalisten (Guomindang) Suns wird. Unter seinem Nachfolger Chiang Kai-shek kommt es zum Bürgerkrieg mit den Kommunisten. Erst der Einmarsch Japans in China ab 1937 setzt den Kämpfen ein vorübergehendes Ende. © Imago
Mao Zedong ruft die Volksrepublik China aus
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Japans flammt der Bürgerkrieg wieder auf. Aus diesem gehen 1949 die Kommunisten als Sieger hervor. Mao Zedong ruft am 1. Oktober in Peking die Volksrepublik China aus (Bild).  © Imago Images
Chiang Kai-shek
Verlierer des Bürgerkriegs sind die Nationalisten um General Chiang Kai-shek (Bild). Sie fliehen 1949 auf die Insel Taiwan. Diese war von 1895 bis 1945 japanische Kolonie und nach der Niederlage der Japaner an China zurückgegeben worden. Auf Taiwan lebt seitdem die 1912 gegründete Republik China weiter. Viele Jahre lang träumt Chiang davon, das kommunistisch regierte Festland zurückzuerobern – während er zu Hause in Taiwan mit eiserner Hand als Diktator regiert. © Imago
Richard Nixon und Zhou Enlai 1972
Nach 1949 gibt es zwei Chinas: die 1949 gegründete Volksrepublik China und die Republik China auf Taiwan, die 1912 gegründet wurde. Über Jahre gilt die taiwanische Regierung als legitime Vertreterin Chinas. Doch in den 70er-Jahren wenden sich immer mehr Staaten von Taiwan ab und erkennen die kommunistische Volksrepublik offiziell an. 1972 verliert Taiwan auch seinen Sitz in den Vereinten Nationen, und Peking übernimmt. Auch die USA brechen mit Taiwan und erkennen 1979 – sieben Jahre nach Richard Nixons legendärem Peking-Besuch (Bild) – die Regierung in Peking an. Gleichzeitig verpflichten sie sich, Taiwan mit Waffenlieferungen zu unterstützen. © Imago/UIG
Chiang Ching-Kuo in Taipeh
Im Jahr 1975 stirbt Taiwans Dikator Chiang Kai-shek. Neuer Präsident wird drei Jahre später dessen Sohn Chiang Ching-kuo (Bild). Dieser öffnet Taiwan zur Welt und beginnt mit demokratischen Reformen. © imago stock&people
Chip made in Taiwan
Ab den 80er-Jahren erlebt Taiwan ein Wirtschaftswunder: „Made in Taiwan“ wird weltweit zum Inbegriff für günstige Waren aus Fernost. Im Laufe der Jahre wandelt sich das Land vom Produzenten billiger Produkte wie Plastikspielzeug zur Hightech-Nation. Heute hat in Taiwan einer der wichtigsten Halbleiter-Hersteller der Welt - das Unternehmen TSMC ist Weltmarktführer. © Torsten Becker/Imago
Tsai Ing-wen
Taiwan gilt heute als eines der gesellschaftlich liberalsten und demokratischsten Länder der Welt. In Demokratie-Ranglisten landet die Insel mit ihren knapp 24 Millionen Einwohnern immer wieder auf den vordersten Plätzen. Als bislang einziges Land in Asien führte Taiwan 2019 sogar die Ehe für alle ein. Regiert wird das Land seit 2016 von Präsidentin Tsai Ing-wen (Bild) von der Demokratischen Fortschrittspartei. © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping
Obwohl Taiwan nie Teil der Volksrepublik China war, will Staats- und Parteichef Xi Jinping (Bild) die Insel gewaltsam eingliedern. Seit Jahrzehnten droht die kommunistische Führung mit der Anwendung von Gewalt. Die meisten Staaten der Welt – auch Deutschland und die USA – sehen Taiwan zwar als einen Teil von China an – betonen aber, dass eine „Wiedervereinigung“ nur friedlich vonstattengehen dürfe. Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. Die kommunistiche Diktatur Chinas ist für die meisten Taiwaner nicht attraktiv. © Dale de la Rey/AFP
Militärübung in Kaohsiung
Ob und wann China Ernst macht und in Taiwan einmarschiert, ist völlig offen. Es gibt Analysten, die mit einer Invasion bereits in den nächsten Jahren rechnen – etwa 2027, wenn sich die Gründung der Volksbefreiungsarmee zum 100. Mal jährt. Auch das Jahr 2049 – dann wird die Volksrepublik China 100 Jahre alt – wird genannt. Entscheidend dürfte sein, wie sicher sich China ist, einen Krieg auch zu gewinnen. Zahlenmäßig ist Pekings Armee der Volksrepublik den taiwanischen Streitkräften überlegen. Die Taiwaner sind dennoch gut vorbereitet. Jedes Jahr finden große Militärübungen statt; die Bevölkerung trainiert den Ernstfall, und die USA liefern Hightech-Waffen.  © Sam Yeh/AFP
Xi Jinping auf einem chinesischen Kriegsschiff
Analysten halten es für ebenso möglich, dass China zunächst nicht zu einer Invasion Taiwans blasen wird, sondern mit gezielten Nadelstichen versuchen könnte, den Kampfgeist der Taiwaner zu schwächen. So könnte Xi Jinping (Bild) eine Seeblockade anordnen, um die Insel Taiwan vom Rest der Welt abzuschneiden. Auch ein massiver Cyberangriff wird für möglich gehalten.  © Li Gang/Xinhua/Imago
Protest in Taiwan
Auch wenn die Volksrepublik weiterhin auf eine friedliche „Wiedervereinigung“ mit Taiwan setzt: Danach sieht es derzeit nicht aus. Denn die meisten Taiwaner fühlen sich längst nicht mehr als Chinesen, sondern eben als Taiwaner. Für sie ist es eine Horrorvorstellung, Teil der kommunistischen Volksrepublik zu werden und ihre demokratischen Traditionen und Freiheiten opfern zu müssen. Vor allem das chinesische Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong hat ihnen gezeigt, was passiert, wenn die Kommunistische Partei den Menschen ihre Freiheiten nimmt. © Ritchie B. Tongo/EPA/dpa

Taiwan nimmt die Bedrohung durch China daher durchaus ernst. Kürzlich beschloss die Regierung, das Verteidigungsbudget im kommenden Jahr um fast 14 Prozent auf umgerechnet 19 Milliarden Euro zu erhöhen. Ende August schickten die USA die beiden Kreuzer „USS Antietam“ und „USS Chancellorsville“ durch die Taiwanstraße.

Taiwan: Besucher aus dem Westen stehen Schlange - trotz der Drohungen aus Peking

Eine Isolierung Taiwans ist Peking mit seinen Drohungen und Militäraktionen allerdings nicht gelungen. Trotz der schwierigen Sicherheitslage reisen derzeit so viele Politiker aus anderen Staaten – wie den USA, Japan oder Litauen – nach Taiwan wie noch nie. Am Donnerstag empfing Taiwans Präsidentin Tsai Ing-Wen mit Arizonas Gouverneur Doug Ducey einmal mehr einen Gast aus den USA. Dabei kündigte Tsai an, die Zusammenarbeit mit den USA weiter ausbauen zu wollen. Isolation sieht anders aus. (ck/mit Material von AFP und dpa)

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