Währungsverfall, Naturkatastrophen

2021 war ein schweres Jahr für die Türkei – und die Aussichten sind nicht rosiger

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Der wirtschaftspolitische Kurs von Präsident Erdogan ist stark umstritten.
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Düstere Aussichten für die Wirtschaft, Klimakatastrophen und eine politische Situation, die Kopfschmerzen bereitet, werden wahrscheinlich auch 2022 anhalten.

  • Die Türkei* hat ein hartes Jahr hinter sich – geprägt von Währungsverfall, Inflation und Naturkatastrophen.
  • Die Ereignisse und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung schaden dem Ansehen des türkischen Präsidenten Erdogan.
  • Für die Opposition könnte der Vertrauensverlust ein entscheidender Moment sein.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 3. Januar 2022 das Magazin Foreign Policy.

Ankara - Für die Türkei war 2021 ein Jahr, das von Währungsverfall, steigender Inflation und zerstörerischen Klimawandelereignissen geprägt war. Ein Jahr, das den Vertrauensverlust in die Führung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan* weiter angeheizt hat. Während Erdogans Umfragewerte so tief gefallen sind wie noch nie, steht er vor einigen der größten Herausforderungen seiner Präsidentschaft.

Wir blicken auf eines der schwierigsten Jahre für Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP)* – und wagen einen Ausblick auf das wohl noch härtere Jahr 2022.

1. Der wirtschaftliche Zusammenbruch der Türkei

Schon vor der Pandemie stand die Türkei am Rande einer Finanzkatastrophe und versuchte, eine Rezession abzuwehren. Das Land kämpfte mit enormen Schulden, Währungsverfall und einer steigenden Inflation. Erdogan hat die Krise dazu noch verschlimmert, indem er seine unorthodoxen Wirtschaftspolitiken durchdrückte – wie zum Beispiel, die Zinsen trotz steigender Inflation zu senken – gegen jeden Rat seiner führenden Ökonomen. Die türkische Lira und das türkische Volk haben den Preis dafür bezahlt. Am 1. Januar 2021 wurde die Lira zu 7,4 zum US-Dollar gehandelt. An ihrem Tiefpunkt am 20. Dezember 2021 war die Lira auf 18,36 zum US-Dollar gefallen. Seitdem hat sich die Lira zwar dank milliardenschweren Staatsinterventionen etwas gefestigt, ist aber noch weit von ihrem Wert zu Jahresbeginn entfernt.

Ein Teil dieser Achterbahnfahrt ist auf Erdogans Einmischung in die türkische Zentralbank zurückzuführen, die damit beauftragt ist, die Zinssätze festzulegen und die Inflation in Schach zu halten. Aber Erdogan hat immer wieder gezeigt: Wenn Banker und Finanzminister nicht tun, was er will, sind sie weg vom Fenster*. Er hat in zwei Jahren drei Zentralbankgouverneure entlassen, darunter Naci Agbal im März, sowie im Laufe des Jahres eine Reihe von stellvertretenden Gouverneuren und Spitzenbeamten.

Der Einbruch der Lira hat die Inflation angeheizt, die offiziell bei 21 Prozent im Jahresvergleich liegt, aber inoffiziell viel höher geschätzt wird. Auch offiziell könnte es bald noch viel höher gehen: Einige Experten erwarten nach dem schwierigen Dezember, dass die offizielle Inflationsrate der Türkei bei der Bekanntgabe neuer Zahlen im Januar die 30-Prozent-Marke erreichen könnte.

Dieser wirtschaftliche Schmerz, der die Preise für Güter des täglichen Bedarfs in die Höhe getrieben hat und dazu führte, dass die Menschen sich in langen Schlangen für staatlich subventioniertes Brot anstellen mussten, könnte Erdogans Machterhaltung gefährden.

2. Freundschaft mit alten Feinden schließen

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Türkei haben Erdogan dazu veranlasst, die türkischen Beziehungen zu Armenien* und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu verbessern, teilweise motiviert durch die Notwendigkeit, Investitionen zu erlangen.

Im November veranlassten Erdogan und der Kronprinz von Abu Dhabi die Unterzeichnung mehrerer Investitions- und Kooperationsabkommen. In den vergangenen Jahren haben Spannungen wegen der Unterstützung der Muslimbruderschaft durch die Türkei, die von den VAE als Sicherheitsbedrohung angesehen wird, die Region erschüttert. Ankara hat Abu Dhabi auch vorgeworfen, den gescheiterten Putschversuch der Türkei von 2016 zu unterstützen – dazu waren die beiden im Libyen-Konflikt uneins. Jetzt werden die Vereinigten Arabischen Emirate aber einen 10-Milliarden-Dollar-Fonds einrichten, um hauptsächlich strategische Investitionen in der Türkei zu unterstützen, darunter im Gesundheitswesen und im Energiebereich.

Unterdessen haben die Türkei und Armenien, deren Differenzen bis zum Völkermord an den Armeniern durch die Osmanen (den Ankara nicht offiziell anerkannt hat) mehr als 100 Jahre zurückreichen, zugesagt, Sondergesandte zu ernennen, um die bilateralen Beziehungen zu normalisieren. Sie haben vor etwa drei Jahrzehnten während des ersten Berg-Karabach-Konflikts in den 1990er Jahren Verbindungen abgebrochen und Grenzen geschlossen. Noch bei den jüngsten Kämpfen um die umstrittene Enklave standen sie auf gegnerischen Seiten.

3. Eine Nation in Flammen

Im Laufe des Sommers weitete sich die Not der Türkei auf ihre Wälder aus, als die schlimmsten Waldbrände seit Menschengedenken entlang ihrer Südküste wüteten und im Juli und August mehr als 656 Quadratmeilen brannten. Die Brände wurden zusätzlich durch monatelange Dürre angeheizt, verursacht durch den Klimawandel und den Missbrauch von Wasserressourcen.

Nur wenige Mittelmeerländer sind vom Klimawandel stärker betroffen als die Türkei. Im Mai wurde das Marmarameer durch eine Explosion von „Meeresrotz“ mit klebrigem Schleim bedeckt – einer Überproduktion von Phytoplankton, die durch wärmeres Wasser verursacht wird. Im August kamen 82 Menschen in der westlichen Schwarzmeerregion bei Überschwemmungen ums Leben. Trotz der Verwüstung hat die Regierung noch immer keine konkreten Schritte unternommen, um die Umwelt vor weiteren Schäden zu schützen.

4. Ein weiterer Rückgang der Menschenrechte

Die Rechte von Frauen, LGBTQ+ und Minderheiten sind 2021 weiter beschnitten worden, als das Land im März aus der Istanbul-Konvention ausstieg*, dem größten internationalen Abkommen zum Schutz der Frauenrechte. Im selben Monat wurde ein politisch motivierter Beschluss zur Schließung der drittgrößten politischen Partei des Landes, der pro-kurdischen Demokratischen Volkspartei, eingereicht. Eine Entscheidung steht noch aus.

Im November ordnete ein Gericht in Istanbul die weitere Inhaftierung des Philanthropen Osman Kavala an, obwohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bereits 2019 ein rechtskräftiges Urteil über seine Freilassung gesprochen hatte. Kavala wird vorgeworfen, sich an regierungsfeindlichen Protesten im Jahr 2013 beteiligt zu haben und in den gescheiterten Putschversucht 2016 verwickelt zu sein – zwei Vorwürfe, die Kavala als „absurd“ bezeichnet.

5. Was die Türkei 2022 erwartet

Das größte Problem für die Türkei wird die Wirtschaft bleiben, die sich voraussichtlich noch weiter verschlechtern wird. Das könnte Erdogan sogar zwingen, vorgezogene Neuwahlen auszurufen, die derzeit für 2023 geplant sind. „Ich mache mir große Sorgen um die Türkei. Ich denke, die Risiken einer systemischen Krise sind heute größer als in den letzten 20 Jahren“, sagte Timothy Ash, Senior Emerging Market Strategist bei BlueBay Asset Management. Er rechnet mit einem Inflationshöhepunkt von rund 50 Prozent und einer weiteren Entwertung der Währung um 25 bis 30 Prozent. „Mit einer Rückkehr zu einer gewissen Normalität und orthodoxen Politik denke ich, dass man das anpacken kann.“, sagte er. „Aber wenn Erdogan die derzeitige Politik fortsetzen will, wird es irgendwann zu spät sein.“

Die Türkei hat versucht, einige Symptome zu bekämpfen, und so zum Beispiel den Mindestlohn angehoben und ein neues Einlagensicherungssystem eingeführt, das Sparer vor dem Währungsverfall schützen soll. Die Ursachen wurden damit jedoch nicht beseitigt. Denn höhere Löhne bedeuten höhere Kosten für die Unternehmen, die sich in höheren Preisen für die Verbraucher niederschlagen werden, und das Drucken von Geld für das Sparprogramm wird den Inflationsdruck nur erhöhen. Es gebe sogar eine politische Komponente bei den wirtschaftlichen Lösungen, sagte Ash, da etwa acht Millionen Türken auf staatliche Leistungen angewiesen seien.

„Ich könnte mir vorstellen, dass Erdogan dafür sorgen wird, dass viel Geld ausgegeben wird, um diese Gruppe vor den schlimmsten Auswirkungen des Abschwungs zu schützen, um diesen Teil der Bevölkerung für die Wahlen zu gewinnen“, sagte Ash.

6. Wird es vorgezogene Neuwahlen geben?

Diese Frage wurde das ganze Jahr 2021 heftig diskutiert, und die Meinungen darüber, ob das eine gute Idee wäre, gehen weit auseinander. Wenn jedoch vorgezogene Wahlen ausgerufen würden, wäre der Zeitpunkt wohl dann, nachdem die Wirtschaft Zeit hatte, sich zu stabilisieren, aber bevor die Opposition zu viele Wähler überzeugen konnte, meint Berk Esen, Politikwissenschaftler an der türkischen Sabanci-Universität.

„Einige der neuen Maßnahmen, wie die Anhebung des Mindestlohns, müssen erst Früchte tragen, damit Erdogan Wahlen ausruft“, sagte er. „Je länger er aber wartet, desto größer werden die Chancen der Opposition sein.“

7. Ein entscheidender Moment für die Opposition

Der vielleicht wichtigste Schritt für die Opposition in den kommenden Monaten wird die Auswahl eines gemeinsamen Kandidaten für eine Koalition sein, einschließlich der Republikanischen Volkspartei (CHP). Während CHP-Chef Kemal Kilicdaroglu sein Interesse bekundet hat, kandidieren zu wollen, ist der wahrscheinlichste Kandidat aber der Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu, der 2019 die Kommunalwahlen erneut gewann und Erdogans Partei eine deutliche Schlappe bescherte. Erdogan hatte diese Rolle früher in den 1990er Jahren selbst inne.

„Imamoglu ist sehr beliebt, fast wie ein Rockstar“, sagte Esen. Er wird auch vermehrt das Ziel diverser Anschuldigungen aus Regierungskreisen: Erdogan-Verbündete wollen den beliebten Bürgermeister am liebsten wegen Terrorismusvorwürfen vor Gericht sehen. Die große Dynamik wird also darin bestehen, inwieweit sich die Oppositionsparteien einigen können und es schaffen, Erdogans AKP Wähler abzuwerben.

„Ich denke, dass Oppositionspolitiker nächstes Jahr AKP-Wähler in den anatolischen Provinzen und Großstädten direkt umwerben“, sagte Esen. „Und es passiert bereits. Aber sie müssen sich zusammentun, um das Wirtschaftsmodell der AKP zu kritisieren, denn es funktioniert eindeutig nicht.“

von Liz Cookman

Liz Cookman ist eine freiberufliche Journalistin mit Sitz in Istanbul, die über die Türkei, Syrien und den weiteren Nahen Osten berichtet.

Dieser Artikel war zuerst am 3. Januar 2022 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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