Abberufung

Ukraine-Botschafter: Melnyk fällt Abschied schwer – „Deutschland bleibt in unseren Herzen“

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Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk wird Deutschland verlassen. Ukraines Präsident Selenskyj spricht von „Rotation“.

Update vom Montag, 11. Juli, 10.15 Uhr: Der scheidende ukrainische Botschafter Andrij Melnyk blickt wehmütig auf seinen bevorstehenden Abschied aus Deutschland. Seine Amtszeit werde formell „vermutlich in wenigen Wochen zu Ende gehen“, sagte Melnyk am Sonntag der FAZ. Dann würden er und seine Familie in die Ukraine zurückkehren. „Deutschland bleibt in unseren Herzen“, sagte der Botschafter: „Der Abschied fällt uns schwer.“ Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj hatte am Samstag ein Dekret unterzeichnet, mit dem er Diplomaten aus Deutschland und einer Reihe weiterer Länder abberief. Es handle sich um eine „simple Rotation, wie es üblich ist“, versicherte Selenskyj. Neben Melnyk wurden auch die Botschafter in Tschechien, Norwegen, Ungarn, Indien, Nepal, den Malediven, Sri Lanka und Bangladesch zurück nach Kiew beordert.

Dem ukrainischen Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, fällt der Abschied schwer.

Update vom Sonntag, 10. Juli, 06.30 Uhr: Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk muss seinen Posten in Deutschland räumen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den 46-jährigen Diplomaten am Samstag abberufen, ebenso die ukrainischen Botschafter in Norwegen, Tschechien, Ungarn und Indien. In einer Videobotschaft sprach Selenskyj am Abend von einem normalen Vorgang. „Diese Frage der Rotation ist ein üblicher Teil der diplomatischen Praxis“, sagte er, ohne einen der fünf Botschafter namentlich zu nennen. Ob Melnyk nach seiner Abberufung für ein anderes hochrangiges Amt in Kiew oder anderswo vorgesehen ist, blieb zunächst offen.

Melnyk kritisierte Bundesregierung wiederholt scharf

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes teilte auf Anfrage mit: „Gegenüber dem Auswärtigen Amt wurde eine Abberufung des Botschafters bislang nicht notifiziert.“ Melnyk hatte sich nicht erst seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine als scharfer Kritiker der Bundesregierung einen Namen gemacht. Zuletzt aber geriet er selbst massiv in die Kritik wegen Äußerungen über den ukrainischen Nationalisten und Antisemiten Stepan Bandera. Selenskyj wechselte zudem den Chef der Regionalregierung im umkämpften südukrainischen Cherson aus. Der Sonntag ist für die Ukraine der 137. Kriegstag seit Beginn der russischen Angriffs Ende Februar.

Ukraine distanziert sich von Botschafter Andrij Melnyk

Erstmeldung: Kiew/Berlin – In der Ukraine wird insbesondere seit dem Regierungssturz von 2014 ein Kult um Stepan Bandera und Vertreter der von ihm geführten Organisation „Ukrainischer Nationalisten (OUN)„ betrieben. Bandera gilt als maßgeblich verantwortlich für die Ideologie des radikalen Flügels der Organisation. Hunderte Straßen wurden nach ihm und anderen „OUN“-Vertretern benannt. 

Ukrainischer Botschafter Melnyk wegen Aussage zu Nationalistenführer Bandera in der Kritik

Bewiesen ist, dass Bandera 1940 und 1941 einen Plan vorbereitete, „nach dem er der Führer eines ukrai­nisch-faschis­ti­schen Staates werden sollte. Dieser Staat sollte von Juden, Polen, Russen und poli­ti­schen Feinden gesäu­bert werden“, schreibt der Historiker Grze­gorz Rossoliński-Liebe auf ukraineverstehen.de. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk sieht das anders und verweist Kritik an ihm in das Reich russischer Propaganda. So erst kürzlich im Interview-Format „jung und naiv“: „Das ist das Narrativ, das die Russen bis heute durchsetzen, und das in Deutschland, in Polen und auch in Israel Unterstützung findet“, erklärte Melnyk. Und weiter sei Bandera „kein Massenmörder von Juden und Polen“ gewesen. Dafür gebe es keine Belege.

Kritik erntete er dafür nicht nur in den sozialen Medien. Nun hat sich auch das ukrainische Außenministerium von Melnyks Äußerungen distanziert. „Die Meinung des ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk, die er in einem Interview mit einem deutschen Journalisten ausgedrückt hat, ist seine persönliche und gibt nicht die Position des ukrainischen Außenministeriums wider“, teilte die Behörde in der Nacht zum Freitag auf ihrer offiziellen Webseite mit.

Das Außenministerium dankte im Statement, das in englischer Sprache verfasst wurde, zudem Warschau für die derzeitige „beispiellose Hilfe“ im Krieg gegen Russland. Wörtlich heißt es darin: „Wir sind überzeugt, dass die Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen derzeit auf ihrem Höhepunkt sind.“ In Polen war Melnyks Haltung, der als Botschafter dem Außenministerium unterstellt ist, auf Kritik gestoßen. Melnyk selbst, der ansonsten auf Twitter sehr aktiv ist, hat bislang keine weitere Stellung bezogen. (ktho/dpa)
 

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