Ukraine-Krise

Erdgas-Stopp „vor allem für Deutschland“ ein Problem: Das wären die Folgen

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Sollte Russland kein Erdgas mehr nach Deutschland exportieren, müsste reichlich Energie eingespart werden. (Symbolfoto)
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Die Lage in der Ukraine spitzt sich zu, russische Erdgas-Exporte in die EU werden knapper. Wie könnten die kurzfristigen Folgen für Deutschland aussehen?

Moskau/Berlin – Die Ukraine-Krise spitzt sich zu, in Europa wächst die Sorge vor ausbleibenden Gaslieferungen. Denn immerhin könnte EU-Hauptlieferant Russland seine Erdgasexporte im Falle eines Krieges oder auch nur aus Vergeltung für Wirtschaftssanktionen einstellen. Doch was dann?

Laut der Nachrichtenagentur Reuters steckt die US-Regierung bereits in Verhandlungen mit Energiekonzernen, um Notfallpläne für eine Versorgung Europas zu entwickeln. Experten zufolge dürfte das US-Gas aber nicht ausreichen, um ein Lieferstopp des Gas-Konzerns Gazprom zu kompensieren. „Wenn Gazprom gar nichts mehr liefern sollte, wäre das ein Problem: vor allem für Deutschland“, sagte Energieexperte Georg Zachmann gegenüber spiegel.de

Weniger Lieferungen: Gas-Vorräte in Deutschland geringer als in den Vorjahren

Das Problem: Ausgerechnet in diesem Winter sind die Gasspeicher in Europa deutlich geringer gefüllt als noch in den Vorjahren. Der Gas Infrastructure Europe zufolge fehlen derzeit knapp 170 Milliarden Kilowattstunden im Vergleich zu 2020/2021 – rund der anderthalbfache Verbrauch Deutschlands pro Jahr.

Dass Russland bereit ist, weniger Gas zu liefern, zeigen jüngste Exporte: Seit Anfang Oktober 2021 liefert das Staatsunternehmen Gazprom deutlich weniger als in den vergangenen Jahren nach Europa, und das trotz aktueller Höchstpreise. So lieferte der Konzern bis Mitte Januar durchschnittlich nur 1,74 Milliarden Kubikmeter, so wenig wie selten in den letzten sieben Jahren. Darüber berichtet spiegel.de.

Flüssigerdgaslieferungen nach Europa sind indes stark gestiegen, sowohl aus Afrika, vom Persischen Golf sowie aus den USA. Ebenfalls bis Mitte Januar 2022 kamen im Schnitt über 3,17 Milliarden Kubikmeter an. Mehr ginge allerdings kaum, schätzte Zachmann, da die riesigen Tanker nur für sie errichtete spezielle Hafenterminals anlaufen würden.

Trotz hohem Gasverbrauch: Kein einziger LNG-Hafen in Deutschland

Obwohl Deutschland mehr Erdgas als jeder andere EU-Staat verbrennt, hat die Bundesrepublik keinen einzigen LNG-Hafen, an den Flüssiggas transportiert werden kann. Bisher laufen entsprechende Lieferungen stets über Nachbarländer. Ein großer Fehler, so Zachmann. „Während andere Länder auf Diversifizierung beim Gaseinkauf gesetzt haben, hat sich Deutschland mit Nord Stream 2 noch stärker auf Russland ausgerichtet: gegen den erklärten Willen vieler EU-Staaten“, kritisierte der Experte. „Das war egoistisch. Und jetzt fehlt Flexibilität beim Gaseinkauf.“

Ob hierzulande künftig ein LNG-Hafen gebaut wird, ist noch unklar. Während der Energiekonzern Uniper im vergangenen Jahr ein solches Vorhaben in Wilhelmshaven absagte, sind noch immer zwei Projekte nahe Hamburg geplant. Ein Bau eines solchen Terminals dürfte jedenfalls Jahre dauern.

Gas-Pipeline Nord Stream 2 verstößt gegen EU-Norm: Deutschland muss abwarten

Wladimir Putin selbst versicherte bereits, dass man mehr Gas nach Europa liefern könne – dazu müsse Deutschland jedoch den Betrieb der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 freigeben. Da Produktion, Vertrieb und Transport von Erdgas aber in diesem Fall nur durch ein einziges Unternehmen bewerkstelligt werden würde, verstößt das Projekt aktuell gegen eine EU-Regelung. Im Dezember 2021 sagte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne), dass die Pipeline „so nicht genehmigt werden kann.“

Sollte Gazprom die Strukturen nun anpassen und weitere Konzerne ins Boot holen, dürfte es bis zu einer Zulassung und Zertifizierung dennoch mehrere Monate dauern. Darüber hinaus ist die politische Frage rund um Nord Stream 2 mit dem Aufmarsch russischer Truppen nahe der Ukraine eine höchst brisante geworden. Dementsprechend deutlich äußerte sich Baerbock auch bei ihrem Russland-Besuch.

Video: Annalena Baerbock droht mit Konsequenzen für Nord Stream 2

Droht Deutschland eine Erdgas-Krise? Experten raten, Heizungen runterzudrehen

Sollte es zu keiner Einigung kommen, und sollten Staaten wie die USA nicht doch noch mehr Flüssiggas liefern können, könnte die Lage in Deutschland erheblich vom Wetter abhängen. So erklärte Energieexperte Georg Zachmann im Gespräch mit spiegel.de, dass Europas Gasverbraucher an eiskalten Tagen doppelt so hoch sei wie an milden Wintertagen. Sein pragmatischer Tipp: weniger Gas verbrauchen, ehe in Zukunft ein Mix aus erneuerbaren Energien verschiedene Optionen bietet.

„Die einzig schnelle Lösung, Europas Energiepreiskrise zu lösen, ist es, Energie zu sparen“, schrieben die beiden Energieexperten Georg Zachmann und Simone Tagliapietra in einem Meinungsstück im Oktober 2021. Darin schlugen die Wissenschaftler unter anderem vor, Bürgerinnen und Bürger zu bitten, ihre Heizungen um ein einziges Grad herunterzudrehen oder ihnen sogar finanzielle Anreize für das Energiesparen zu bieten. Seit dem Artikel hat sich die Situation nur weiter zugespitzt.

Deutschland: Ampel-Koalition uneinig über Gas-Pipeline Nord Stream 2

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) betonte zuletzt, dass es sich bei Nord Stream 2 um ein kommerzielles und kein politisches Projekt handele. Für Putin sei das Unterfangen allerdings viel mehr als ein Wirtschaftsprojekt, sagte der litauische Botschafter Ramunas Misiulis gegenüber dem ZDF. Die Pipeline sei „die Voraussetzung für ein weiteres aggressives Vorgehen gegenüber der Ukraine.“

Noch sei Russland darauf angewiesen, seine Gasexporte durch Pipelines in die EU und nach Deutschland zu transportieren, die durch die Ukraine führen. Große Teile der Grünen, der FDP und auch der CDU teilen diese Bedenken. SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert hingegen warf Gegnerinnen und Gegnern von Nord Stream 2 zuletzt vor, „internationale Konflikte herbeizureden“, um das Projekt beerdigen zu können. (na)

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