Am Sonntag wird gewählt

Brasilien-Wahl: Evangelikale Christen könnten der Schlüssel zum Sieg sein

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Geht mit Gott: Präsident Bolsonaro (l.) lauscht einer Predigt von Pastor Silas Malafaia auf einer Feier zu dessen Geburtstag in Rio de Janeiro.
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Mehr als 30 Prozent aller Brasilianer gehören evangelikalen Gemeinden an. Vor vier Jahren unterstützten sie mehrheitlich Präsident Bolsonaro. In diesem Jahr sind ihre Stimmen besonders umkämpft.

Rio de Janeiro – „Brasilien über allem und Gott über allen“: Mit diesem Wahlslogan trat der aktuelle Präsident Jair Bolsonaro vor vier Jahren an – und hatte Erfolg. Ein Großteil der Christen in Brasilien stimmte für ihn, speziell die evangelikalen Anhänger und Anhängerinnen sogenannter Pfingstkirchen holte er damit ab. 70 Prozent der Evangelikalen entschieden sich bei den Wahlen 2018 für Bolsonaro.

Nun stehen in Brasilien die nächsten Präsidentschaftswahlen an – am Sonntag (2. Oktober) entscheiden die Bürgerinnen und Bürger in Lateinamerikas größter Demokratie darüber, wer das Land in den kommenden vier Jahren führt. Gegen den aktuellen Präsidenten Jair Bolsonaro tritt der Ex-Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva an. Lula liegt in den aktuellen Umfragen vorn. Der Wahlkampf ist allerdings extrem polarisiert und aufgeladen. Eine besonders umkämpfte Wählergruppe sind die brasilianischen Christen. Die teilen sich in Evangelikale und Katholiken. Die Mehrheit der Katholiken unterstützt Lula.

Brasilien-Wahl: Kirchen nehmen politischen Einfluss

Schwieriger einzuschätzen ist die Meinung der Evangelikalen. Mehr als 30 Prozent der Brasilianer und Brasilianerinnen gehören einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft an, Tendenz steigend. Viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gehen davon aus, dass die Evangelikalen in Brasilien im kommenden Jahrzehnt eine Mehrheit werden. Die meisten evangelikalen Kirchen im Land sind sogenannte Pfingstkirchen, bei denen der Heilige Geist eine besondere Rolle spielt. 

Politik gehört zu vielen Gottesdiensten dazu, viele Priesterinnen und Priester drücken ihre politische Unterstützung für die eine oder andere Seite klar aus. „Traditionell hatte vor allem die katholische Kirche politischen Einfluss“, erklärt Jaqueline Moraes Teixeira der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Sie ist Anthropologin an der Universität Brasília und forscht seit mehr als zehn Jahren zu den Evangelikalen im Land. „Seit Anfang der 80er-Jahre haben auch die evangelikalen Gemeinden ihre politische Macht strukturell ausgebaut.“ 

Bolsonaro und Lula: Beide suchen die Nähe zur Kirche

An verschiedenen Stellen hätten evangelikale Glaubensgemeinschaften versucht, eine bessere Repräsentation im politischen System zu erreichen, so Jaqueline Moraes Teixeira. Nicht erst unter Bolsonaro gelang das. Dieses politische Projekt sei schon in den ersten beiden Amtszeiten von Lula und unter der Regierung von Dilma Rousseff sichtbar gewesen, auch diese beiden Präsidenten hätten immer wieder die Nähe zu den Pfingstkirchen gesucht. 2018 unter Jair Bolsonaro erreichte die Bancada Evangélica (etwa Koalition der Evangelikalen) in der brasilianischen Legislative ihren bisherigen Höchststand. Mehr als 100 Abgeordnete und rund 15 Senatoren und Senatorinnen zählen sich zu den Evangelikalen, zusammen haben sie rund 20 Prozent der Stimmen im Parlament.

„Unter Bolsonaro konnten die Evangelikalen auch viele wichtige Schlüsselfunktionen besetzen“, erklärt Teixeira. „Ihre politische Funktion hat sich von der Legislative in die Exekutive erweitert“. Wichtigstes Beispiel dafür ist sicher die ehemalige Frauen- und Familienministerin Damares Alves. Von 2019 bis 2022 setzte sie als Ministerin auf einen extrem konservativen Kurs. Sie warb beispielsweise gegen die sogenannte „Gender-Ideologie“ und machte Stimmung gegen Abtreibung. Ende Mai 2022 gab sie das Amt auf, um für den Senat zu kandidieren.

Brasilien-Wahl: Evangelikale Führungsfiguren wollen ihre Macht ausbauen

Wichtig sei daneben auch die Einflussnahme der Evangelikalen im Bildungsbereich, meint Expertin Teixeira. Sie nennt dabei besonders den Namen des Pastors Milton Ribeiro, der in den vergangenen Jahren für exekutive Projekte im Bildungsministerium verantwortlich war. Dort hat er sich beispielweise gegen Sexualaufklärung an Schulen eingesetzt, aktuell wird gegen ihn wegen Korruption ermittelt. Noch wichtiger als die konkreten Programme der evangelikalen Politiker sei, dass viele evangelikale Führungsfiguren es inzwischen geschafft hätten, nationale Sichtbarkeit und Bekanntheit zu erreichen. 

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Im aktuellen Wahlkampf versuchen evangelikale Führungsfiguren ihre politische Macht weiter auszubauen. Mehrere evangelikale Anhänger von Bolsonaro stehen als Bundesabgeordnete oder Senatoren zur Wahl. Aber auch auf Lulas Seite gibt es evangelikale Unterstützung: So tritt beispielsweise der liberale Priester Henrique Vieira aus Niterói bei Rio de Janeiro für die linke Partei des Sozialismus oder der Freiheit (PSOL) an. Insgesamt stehen in diesem Jahr 640 Kandidatinnen und Kandidaten mit klar religiöser Agenda zur Wahl.

Wahlkampf um Gläubige: „Sie entscheiden die Wahlen“

Kurz vor der Präsidentschaftswahl am 2. Oktober werben nun sowohl Lula als auch Bolsonaro stark um die Unterstützung der Evangelikalen. Die Expertin Teixeira weiß auch warum: „Sie entscheiden die Wahlen“, sagt sie. Wenn die Mehrheit der Evangelikalen für Lula stimme, dann gewinne der unter Umständen schon im ersten Wahlgang. Wenn hingegen die Mehrheit für Bolsonaro stimme, sei ein zweiter Wahlgang und eine noch größere politische Schlammschlacht wahrscheinlich.

Der Kampf um die Stimmen der Gläubigen hat schon jetzt bemerkenswerte Auswüchse angenommen. Bolsonaro ließ sich auf dem Geburtstag des Priesters Silas Malafaia feiern. Eine Weile machte die Falschinformation, Lula wolle Kirchen schließen lassen, die Runde. Aber auch die andere Seite fährt schwere Geschütze auf: Lulas Arbeiterpartei (Partido Trabalhador, kurz PT) druckte vor kurzem Plakate mit dem Slogan „Bolsonaro benutzt Gott, Gott benutzt Lula“. Und Lula sagte, Bolsonaro sei von einem Dämon besessen. 

Brasilien: Bolsonaro hat bei Evangelikalen Vertrauen verloren

Für wen die Evangelikalen in diesem Jahr in ihrer Mehrheit stimmen, ist noch unklar. Konnte Bolsonaro vor vier Jahren noch fest auf ihre Unterstützung zählen, hat er in den vergangenen Jahren viel Vertrauen verloren. „Diese Wählerschaft ist jetzt viel stärker umkämpft“, meint Teixeira. 

Um das Wahlverhalten der Evangelikalen besser zu verstehen, sei es auch wichtig, auf deren demografische Zusammensetzung zu schauen, sagt die Wissenschaftlerin. Rund 60 Prozent der Anhängerinnen und Anhänger von evangelikalen Kirchen seien Frauen, die meisten von ihnen lebten von einem Haushaltseinkommen bis zu 1500 Reais (rund 300 Euro) und seien schwarz. „Das ist eigentlich ein unpolitisches Publikum“, erklärt Teixeira. Wichtiger als die politische Ausrichtung sei für viele der Menschen, inwiefern sie wirtschaftlich von öffentlicher Politik profitieren können.

Wahl 2018: Vielen Brasilianern geht es heute schlechter

Hier habe Bolsonaro in den letzten Jahren enttäuscht – den meisten Brasilianerinnen und Brasilianern geht es deutlich schlechter als vor vier Jahren. Das hat zum einen finanzielle Aspekte, aber auch die Wunden der Pandemie sitzen in Brasilien tief. Fast alle im Land haben irgendwen an das Coronavirus verloren. „Wie Bolsonaro über das Virus und seine Opfer gesprochen hat, hat vielen Gläubigen sauer aufgestoßen“, meint Teixeira. Das alles spricht gegen eine bedingungslose Unterstützung des Präsidenten. 

Bolsonaros Wahlkampfteam hat darum zur Gegenoffensive ausgeholt. Im Wahlkampf tritt nun vermehrt Michelle Bolsonaro, die aktuelle und dritte Ehefrau des Präsidenten, auf. Sie ist ebenfalls evangelikal und soll das verlorene Vertrauen vor allem bei den gläubigen Frauen zurückgewinnen. Wie gut das letztendlich klappt, ist aber offen. 

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