Gastbeitrag Ludovic Subran

Der grüne Boom und seine Feinde

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Ludovic Subran ist Chef-Volkswirt der Allianz.

Seit der Corona-Krise ist vieles nicht mehr so wie es war - auch in der Ökonomie, schreibt der Chef-Volkswirt der Allianz, Ludovic Subran im Gastbeitrag.

München - Die 2010er Jahre waren von einem globalen Nachfragedefizit geprägt. Das rief die Zentralbanken auf den Plan, mit immer größeren und unkonventionelleren Programmen die daraus resultierenden deflationären Tendenzen zu bekämpfen. In diesem Modus Operandi befinden sie sich noch immer. Dabei ist fehlende Nachfrage nicht mehr das Problem. Im Gegenteil: Das hervorstechende Merkmal des Post-Corona-Aufschwungs ist ein Zuviel an Nachfrage, ein Ketchup-Flaschen-Effekt nach Monaten der erzwungenen Konsumpause. Damit ist die Angebotsseite schlicht überfordert. Die Folge sind Lieferengpässe allerorten und schnell steigende Preise.

Stimme der Ökonomen

Klimawandel, Lieferengpässe, Corona-Pandemie: Wohl selten zuvor war das Interesse an Wirtschaft so groß wie jetzt. Das gilt für aktuelle Nachrichten, aber auch für ganz grundsätzliche Fragen: Wie passen die milliarden-schweren Corona*-Hilfen und die Schuldenbremse zusammen? Was können wir gegen die Klimakrise tun, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen? Wie sichern wir unsere Rente? Und wie erwirtschaften wir den Wohlstand von morgen?

In unserer neuen Reihe Stimme der Ökonomen liefern Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler in Gastbeiträgen ab sofort Einschätzungen, Einblicke und Studien-Ergebnisse zu den wichtigsten Themen der Wirtschaft – tiefgründig, kompetent und meinungsstark. Immer samstags.

Die Ursache dieser Entwicklung liegt nicht zuletzt in der vollkommen anderen Reaktion der Fiskalpolitik. In den vergangenen Jahren musste sie sich immer wieder vorhalten lassen, im Nachgang der Finanz- und Eurokrisen zu wenig auf die Unterstützung der Konjunktur und zu viel auf solide Staatsfinanzen zu achten. Diesen Vorwurf wollte sie sich in der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg nicht noch einmal aussetzen. Diesmal wurde geklotzt statt gekleckert. Mit durchschlagendem Erfolg: Während die Einkommen weitgehend stabil blieben, explodierten die Ersparnisse und legten den Grundstein für den derzeitigen Nachfrageboom.

Fiskalpolitik: Normalisierung nach dem Ende der Corona-Pandemie?

Aber diese Phase scheint nur vorübergehend. Viele Corona-Hilfsprogramme sind bereits ausgelaufen. Mit dem Ende der milliardenschweren Transfers wird sich die Nachfrage wieder normalisieren, wobei der Sparüberhang für eine relativ reibungslose Anpassung spricht. In der Folge werden sich Lieferengpässe wieder entspannen, weitere große Preissteigerungen sind nicht mehr zu erwarten. Dies ist zumindest die vorherrschende Einschätzung, nicht zuletzt in den Köpfen vieler Zentralbanker. Aber kehrt die Fiskalpolitik tatsächlich wieder in ihre gewohnten Bahnen zurück?

Auszuschließen ist dies sicher nicht, auch angesichts rekordhoher Schuldenstände. Aber wahrscheinlich dürfte die Corona-Krise auch hier einen Paradigmenwechsel bewirken. Das Risikobewusstsein hat sich grundlegend verändert, Investitionen in Nachhaltigkeit stehen hoch im Kurs. Dies gilt nicht nur für den Einzelnen und die Gesundheit, sondern auch für die Gesellschaft als ganzes – und vor allem für die existenzielle Herausforderung des 21. Jahrhunderts: die Klimakrise.

Kampf gegen den Klima-Wandel: Schwindelerregende Investitionen nötig

Nach Jahren der (leeren) Versprechen, muss in den 2020er Jahren gehandelt werden. Die Investitionssummen, die dabei für die vollständige Dekarbonisierung der Wirtschaft in den nächsten dreißig Jahren erforderlich werden, sind schwindelerregend. Sollte auch nur ein Teil davon in den nächsten Jahren umgesetzt werden, steht ein grüner Investitionsboom vor der Tür: Der Post-Corona-Nachfrageschub würde sich nahtlos fortsetzen. Die 2020er Jahre versprechen tatsächlich, wenn nicht golden, so zumindest schwunghaft zu werden. Das Gespenst der säkularen Stagnation wäre endgültig gebannt. Sogar die Zinsen könnten wieder steigen.

Die Risiken für diesen positiven Ausblick auf ein „Jahrzehnt der Investitionen“ liegen weniger in der Finanzierung – gerade auch privates Kapital ist ausreichend vorhanden – oder in technologischen Hürden – Covid-19* hat sich als echter Innovationstreiber entpuppt. Das Haupthindernis dürfte die gesellschaftliche Akzeptanz sein. Dies legt jedenfalls eine repräsentative Umfrage nahe, die die Allianz kürzlich in Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und den USA durchgeführt hat.

Was uns dabei interessierte war nicht so sehr die Einstellung zur Klimakrise – die Bedrohung wird inzwischen von der großen Mehrheit als real und umwälzend wahrgenommen. Im Vordergrund stand vielmehr das Wissens rund ums Klima und die Klimapolitik. Denn ohne ein echtes Verständnis der Zusammenhänge wird die Bereitschaft, die tiefgreifenden Umwälzungen in unserem Leben nicht nur zu akzeptieren, sondern auch mitzugestalten, kaum sehr ausgeprägt sein.

Geringe Klima-Kompetenz

Die Ergebnisse sind ernüchternd: Nur 14,2% der Befragten verfügen über eine hohe Klima-Kompetenz, d.h. konnten mindestens sieben von zehn Fragen zum Klima richtig beantworten. Auch wenn dieser Wert für Deutschland mit 16,4% ein bisschen besser ausfällt, bleiben die Defizite erschreckend. Vor allem hinsichtlich Dimension und Geschwindigkeit des Umbaus scheinen viele Befragte noch keinen Begriff von der Größe der bevorstehenden Aufgabe zu haben. So waren sich beispielsweise nur 12,2% der Befragten der Tatsache bewusst, dass ein „Weiter so“ die Welt schon in acht Jahren an ihre klimatischen Grenzen brächte.

Niveau der Klima-Kompetenz (in Prozent der Befragten)

Allianz-Umfrage: Niveau der Klima-Kompetenz

Der größte „Feind“ eines grünen Booms ist das Nicht-Wissen. Eine effektive Klimapolitik mit ihren unvermeidlichen Härten erscheint ohne hohe Klima-Kompetenz in der Bevölkerung kaum möglich. Hier muss schnell und entschieden gehandelt werden. Sonst endet der grüne Boom bevor er begonnen hat und die 2020er Jahre werden ein weiteres Jahrzehnt der verpassten Chancen, in denen hehre Pläne an der fehlenden gesellschaftlichen Unterstützung scheitern. 

Zum Autor: Ludovic Subran ist Chef-Volkswirt der Allianz SE und von Euler Hermes. Vor seinem Eintritt in die Allianz Gruppe arbeitete er für renommierte Institutionen wie das französische Finanzministerium, die Vereinten Nationen und die Weltbank. Er unterrichtet außerdem Wirtschaftswissenschaften an der HEC Business School.

*Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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