Nach der Fed-Entscheidung

Commerzbank-Chefvolkswirt: „Aktienkurse mindestens bis März unter Druck“

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Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank
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Im Kampf gegen die stark steigende Inflation in den USA will die US-Notenbank jetzt die Zügel anziehen. Den Börsen stehen weitere, turbulente Wochen bevor, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

München/Frankfurt – Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer* erwartet angesichts der bevorstehenden Zinswende durch die US-Notenbank kurzfristig weitere Börsenturbulenzen. „Die Aktienkurse dürften mindestens bis zur ersten Zinserhöhung im März unter Druck bleiben“, sagte Krämer am Donnerstag im Interview. Sobald sich an den Aktienmärkten jedoch die Haltung durchsetze, dass die Währungshüter die Konjunktur nicht abwürgten, würden sich die Kurse wieder erholen.  

Herr Dr. Krämer, die US-Notenbank hat die Märkte jetzt auch offiziell auf eine mögliche Zinswende im März eingestimmt und sieht für die geplante Straffung der Geldpolitik „ziemlich viel Raum nach oben“. Ist die Lage an der Preisfront wirklich so angespannt?
Die USA* haben ein echtes Inflationsproblem. Die Wirtschaft ist überhitzt. Die Arbeitslosenquote liegt unter vier Prozent, der Anstieg der Arbeitskosten hat sich beschleunigt, und die Verbraucherpreise steigen auf breiter Front und nicht nur bei einzelnen Gütern, die besonders von Corona* betroffen sind.
Die hohe US-Inflation ist ja vor allem Corona und den stockenden Lieferketten geschuldet. Da hellt sich Lage nach Einschätzung vieler Unternehmen im zweiten Halbjahr aber womöglich auf. Bleibt der Teuerungsdruck dennoch so hoch?
Im Verlauf des Jahres dürfte die US-Inflationsrate sinken. Erstens wird der Ölpreis in diesem Jahr nicht weiter so schnell steigen wie 2021. Zweitens werden sich die Lieferengpässe mit dem Abebben von Corona schrittweise entspannen. Aber die Inflation wird wegen schneller steigender Löhne nicht auf das Vorkrisenniveau zurückkehren. Außerdem könnte sie 2023 wieder beginnen, anzuziehen.
Was heißt das für die Fed-Politik konkret: Vier Zinsschritte im laufenden Jahr?
Die Inflation besorgt die Amerikaner. Die Fed wird handeln. Wir rechnen mit vier Zinserhöhungen je 0,25 Prozentpunkte in diesem Jahr. Im kommenden Jahr geht’s dann mit den Leitzinsen weiter bergauf.
Am Markt werden schon Szenarien diskutiert, wonach die US-Notenbank den Leitzins im März in einem ersten Schritt womöglich sogar um 0,5 Prozentpunkte anheben könnte. Das hat es zuletzt im Mai 2000 gegeben. Trauen Sie Fed-Chef Jerome Powell einen solch radikalen Einschnitt zu? 
Eine Anhebung um 0,5 Prozentpunkte im März ist nicht unsere Prognose, aber auszuschließen ist das nicht. Allerdings dürfte Jerome Powell ein solch höheres Tempo bei den Zinserhöhungen auf Dauer nicht durchhalten. Denn die Staatsschulden sind verglichen mit dem Bruttoinlandsprodukt so hoch wie am Ende des Zweiten Weltkriegs. Entsprechend haben die Politiker ein hohes Interesse an niedrigen Zinsen und üben Druck auf die Notenbank aus, ihren Leitzins nicht so stark anzuheben. Es besteht die Gefahr, dass die US-Notenbank nicht entschieden genug gegen die Inflation vorgeht und es ab 2023 zu einer zweiten Inflationswelle kommt.
Es gibt aber auch ganz andere Stimmen. Viele Ökonomen befürchten, dass die Fed die US-Konjunktur womöglich sogar abwürgen könnte, wenn sie zu stark auf die Bremse tritt. Teilen Sie diese Sorge?
Nein, ich sehe es andersherum: Nur, wenn die Fed die Inflationsrisiken durch höhere Zinsen eindämmt, kann sich die US-Konjunktur weiter gut entwickeln. Geriete die Inflation dagegen außer Kontrolle, würde die Konjunktur massiv leiden.
Der Dax hat am Donnerstag mit Abschlägen auf die Fed-Ankündigung reagiert. Auch andere Indizes sind im Minus. Ist das nur ein Schluckauf oder wird die Lage an den Börsen jetzt holpriger?
Das ist mehr als ein Schluckauf. Jüngere Anleger erleben zum ersten Mal in ihrem Leben hohe Inflationsraten. Sie müssen sich erst einmal an das neue Umfeld mit steigenden US-Leitzinsen gewöhnen. Die Aktienkurse dürften mindestens bis zur ersten Zinserhöhung im März unter Druck bleiben. Aber sie sollen sich wieder erholen, wenn klar wird, dass die US-Notenbank die Konjunktur nicht abwürgt.
Also nur eine kleine Korrektur oder das Ende des Bullenmarkts?
Die Anleger haben höhere Leitzinsen für die USA und den Euroraum weitgehend eingepreist. Außerdem haben sie bereits recht hohe Inflationserwartungen. Daher erwarte ich keinen starken Anstieg der Anleiherenditen. Es bleibt in diesem Jahr sehr schwierig, mit Anleihen nach Abzug der Inflation eine positive Rendite zu erwirtschaften. Insofern bleiben Aktien grundsätzlich attraktiv, auch wenn sie zurzeit eine schwierige Phase durchmachen.

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