Merkur-Interview

Flutwelle: Chef-Klimatologe der Münchener Rück warnt: „Müssen mit Katastrophen leben“

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Ernst Rauch: Der Chef-Klimatologe der Munich Re gilt als einer der weltweit führenden Experten für Naturgefahren.
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Die Munich Re drängt auf einen raschen Ausbau von Schutzmaßnahmen gegen Naturkatastrophen. Das machte der Chef-Klimatologe des Rückversicheres, Ernst Rauch, deutlich. 

München – Die Münchner Rück stellt sich auf weiter steigende Schäden aus Naturkatastrophen und dem Klimawandel ein. Die zu erwartende Zunahme von Wetterkatastrophen bedeute auch, „dass in der Tendenz mehr Schäden auftreten können, schon allein, weil die Werte der ausgesetzten Güter“ wie Häusern oder Autos über die Zeit zunähmen, erklärte Chef-Klimatologe Ernst Rauch am Freitag gegenüber Merkur.de. Rauch ist „Chief Climate and Geo Scientist“ der Munich Re und gilt als einer der weltweit führenden Experten für Naturgefahren. 

Herr Rauch, Feuersbrünste in Kalifornien, das schreckliche Hochwasser in NRW und Rheinland-Pfalz: Inzwischen vergeht kaum noch eine Woche ohne Katastrophen-Meldungen. Müssen wir uns an solche Horror-Nachrichten künftig gewöhnen?
Die Zahl der von uns registrierten Ereignisse und deren Schadenhöhe hat im Trend tatsächlich zugenommen, das geht vermutlich aber zum Teil auch auf eine bessere Erfassung als noch vor Jahrzehnten zurück. Wissenschaftliche Studien weisen jedoch klar darauf hin, dass es durch den Klimawandel mehr Wetterextreme und damit mehr wetterbedingte Naturkatastrophen geben wird. Beispiele von Wetterextremen, bei denen die Wissenschaft von einem spürbaren Einfluss des Klimawandels bereits ausgeht, sind Hitzewellen und Dürren in vielen Regionen, aber auch Schwergewitter und Starkregenereignisse in Europa.
Mit welchen Schäden aus der aktuellen Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz rechnen Sie? 
Das bisher teuerste Unwetter-Schadenjahr in Deutschland – ohne die große Flußüberschwemmung 2002 - war 2013 mit versicherten Schäden von rund vier Milliarden Euro, alleine aus Gewittern und Starkniederschlägen. Nach einer Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft läge diese Schadensumme heute bei gut 9 Milliarden Euro, wenn man weitere wetterbedingte Schäden in diesem Jahr berücksichtigt und es auf den heutigen Versicherungsbestand hochrechnet. Für eine Schadenschätzung zum jetzigen Ereignis ist es noch zu früh. Mit einem sehr relevanten Ereignis ist jedoch zu rechnen.
Im vergangenen Jahr lagen die Gesamtschäden aus Naturkatastrophen bei 210 Milliarden Dollar. 82 Milliarden davon waren versichert. Welche Schaden-Summe erwarten Sie für das laufende Jahr und wie sehen Sie den mittelfristigen Trend: Werden die Schadenssummen weltweit weiter steigen?
Schadenzahlen für ein Jahr lassen sich nicht prognostizieren und das Jahr 2021 ist erst zur Hälfte vorbei. Niemand kann wissen, welche Bahn ein Wirbelsturm nimmt, ob über den offenen Atlantik oder dichtbesiedeltes Gebiet. Die zu erwartende Zunahme oder Intensität von Wetterkatastrophen bedeutet zunächst auch, dass in der Tendenz mehr Schäden auftreten können, schon allein, weil die Werte der ausgesetzten Güter wie Häuser, Autos etc. über die Zeit zunehmen. Zugleich haben wir es alle auch ein Stück weit selbst in der Hand, uns an diese Entwicklung anzupassen und unsere Verwundbarkeit wo möglich zu reduzieren, zum Beispiel indem nicht mehr in bestimmten exponierten Gebieten gebaut wird oder bessere Dämme gegen Fluten errichtet werden. Hier sind in Einzelfällen bereits Erfolge erzielt worden.
Im Kampf gegen den Klimawandel setzen die EU und Deutschland stark auf CO2-Zertifikate. Derzeit kostet ein Zertifikat um die 65 Euro je Tonne CO2. Viele Beobachter plädieren für eine weitere Erhöhung. Sie auch? 
Grundsätzlich ist ein CO2-Preis ein geeignetes Instrument, um Emissionen zu reduzieren und Einsparungen an der effizientesten Stelle auszulösen. Die Ausgestaltung von preisbestimmenden Instrumenten wie beispielsweise Emissionshandelssysteme oder eine CO2-Steuer sind eine politische Entscheidung. Wichtig ist aus der Klimaperspektive, dass damit tatsächlich eine lenkende – also emissionsmindernde – Wirkung erzielt wird. Dabei spielt vor allem auch die langfristige Verlässlichkeit des Preisbildungsmechanismus eine Rolle. 
In der öffentlichen Wahrnehmung hat das Thema Klimawandel wegen der Corona-Pandemie zuletzt an Aufmerksamkeit verloren. Nun dürfte die Diskussion wieder Fahrt aufnehmen. Was wären aus Ihrer Sicht die wichtigsten Maßnahmen, die die neue Bundesregierung nach der Wahl angehen müsste, um dem Klima zu helfen?
In Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung stimme ich Ihnen zu. Allerdings haben viele Unternehmen auch in der Hochphase der Pandemie intensiv an Strategien gearbeitet, wie sie ihre Geschäftsmodelle auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens hin ausrichten können. Jetzt gilt es, die unterschiedlichen Aktivitätsstränge zusammen mit den politischen Ambitionen in eine schnellstmögliche Umsetzung zu bringen. Je eher wir Emissionen global reduzieren, desto weniger teuer wird es unter dem Strich sein und desto weniger schmerzhaft in der Zukunft. Neben entschlossenen Maßnahmen zur Emissionsreduzierung in allen Sektoren der Wirtschaft und der Förderung emissionsarmer Technologien muss es wesentlich auch um Anpassung gehen, das heißt, um Präventionsmaßnahmen gegen Naturkatastrophen. Denn mit diesen müssen wir auf Sicht weiter rechnen.

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