Gastbeitrag von Dr. Bert Flossbach

Anlage trotz Inflation: Ein Cocktail von Risiken

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Dr. Bert Flossbach ist einer der bekanntesten Vermögensverwalter Deutschlands.

 
Ukraine-Krieg, Inflation, Rezessionssorgen – viele Anleger sind angesichts des Kapitalmarktumfeldes verunsichert. Steht das Schlimmste an den Börsen womöglich noch bevor? Dr. Bert Flossbach, Chef des Kölner Vermögensverwalters Flossbach von Storch, analysiert die Lage im Gastbeitrag.

Köln – Selten hat es so viele verschiedene Krisenherde und damit Unwägbarkeiten zur gleichen Zeit gegeben. Der barbarische Krieg in der Ukraine und das damit verbundene Leid. Die andauernde Corona-Pandemie, von der Chinas Regierung glaubt, sie weiterhin bekämpfen zu können, indem sie ganze Metropolregionen abriegelt – und damit die ohnehin instabilen Lieferketten brechen lässt. Nicht zu vergessen die Inflation, die, getrieben von Krieg und Pandemie, immer neue Höhen erklimmt.

Weltweit werden Menschen durch höhere Preise für Energie, Nahrungsmittel und andere lebensnotwendige Dinge belastet; der Wert ihrer Ersparnisse wird geschmälert. Die Notenbanken stehen vor einer Herkulesaufgabe: Wie lässt sich die Inflation wirksam eindämmen – ohne dabei die Konjunktur abzuwürgen? Und ohne dabei die Schuldner, die sich in den vergangenen Jahren vollgesogen haben mit billigem Geld, nicht zu überfordern?

Stimme der Ökonomen

Klimawandel, Lieferengpässe, Corona-Pandemie: Wohl selten zuvor war das Interesse an Wirtschaft so groß wie jetzt. Das gilt für aktuelle Nachrichten, aber auch für ganz grundsätzliche Fragen: Wie passen die milliarden-schweren Corona-Hilfen und die Schuldenbremse zusammen? Was können wir gegen die Klimakrise tun, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen? Wie sichern wir unsere Rente? Und wie erwirtschaften wir den Wohlstand von morgen?

In unserer neuen Reihe Stimme der Ökonomen liefern Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler in Gastbeiträgen ab sofort Einschätzungen, Einblicke und Studien-Ergebnisse zu den wichtigsten Themen der Wirtschaft – tiefgründig, kompetent und meinungsstark.

Inflation im Euro-Raum: EZB in der Klemme

Für die Europäische Zentralbank (EZB) ist das Umfeld besonders heikel. Sie muss, anders als etwa die US-Notenbank Fed, eine Geldpolitik für viele, sehr verschiedene Volkswirtschaften machen. Sie muss den Geldwert durch massive Zinserhöhungen verteidigen, ohne damit eine Schuldenkrise auszulösen und den Fortbestand des Euro zu gefährden. Das gleicht der Quadratur des Kreises.

Schon der moderate Zins- und Renditeanstieg im ersten Halbjahr hat zu starken Kursverlusten bei Anleihen geführt. Das wäre aber nur ein Vorgeschmack auf das, was drohen würde, sollten sich die Notenbanken im Angesicht einer hartnäckig hohen Inflation zu sehr viel schärferen Maßnahmen entschließen. Die Schäden für Wirtschaft und Finanzsystem wären vermutlich gewaltig.

Viele Herausforderungen unserer Zeit wirken sich direkt oder indirekt auf die Inflation aus oder werden von ihr beeinflusst. Dieses Zusammenspiel macht Prognosen noch schwerer als sie ohnehin schon sind.

Es gibt aber auch Entwicklungen, die dazu beitragen können, mehrere Probleme auf einmal zu lösen. Der Schlüssel liegt im technologischen Fortschritt mit vielen kleinen wie großen Innovationen und der Digitalisierung. Mehr Produktivität bedeutet weniger Ressourcenverbrauch, dämpft den Preisauftrieb und führt zu nachhaltig höheren Wachstumsraten. Innovative und erfolgreiche Unternehmen aus dem IT-, Industrie- und Dienstleistungsbereich dienen somit nicht nur ihren Aktionären, sondern auch der Allgemeinheit.

Die Lösung lautet: Innovationen, Digitalisierung und technologischer Fortschritt

Aktien haben im ersten Halbjahr deutliche Kursverluste verzeichnet, obwohl die Gewinnperspektiven wachstumsstarker und resilienter Unternehmen weiterhin gut sind. Das Chance-Risiko-Verhältnis hat sich dadurch verbessert. Daran würde auch eine mögliche Konjunkturabkühlung nichts ändern.

Aktien von Unternehmen, deren Produkte und Dienste begehrt sind und die über genügend Preissetzungsmacht verfügen, bieten nicht nur Inflationsschutz, sondern langfristig auch ein reales Wertzuwachspotenzial. Anleger brauchen jedoch Geduld – und eine ordentliche Portion Toleranz gegenüber Kursschwankungen. Gut möglich, dass die Kurse in den kommenden Wochen nochmals zurücksetzen.

Dagegen dient Gold eher dem Vermögenserhalt und bietet eine Zusatzversicherung für den Fall, dass die Notenbanken die Inflation nicht unter Kontrolle bekommen.

Anleihen bieten nur einen unzureichenden Inflationsschutz, solange die Renditen unter der langfristig zu erwartenden Inflation liegen. Bei Unternehmensanleihen mittlerer Bonität gibt es aber erstmals seit langem wieder Renditen, die sogar ausreichen könnten, um die Inflation zu schlagen. Insofern dürfen wir zuversichtlicher sein, als es der aktuelle „Krisen-Cocktail“ vermuten lässt.

Zum Autor: Dr. Bert Flossbach ist Gründer und Vorstand der Flossbach von Storch AG in Köln.

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