Gastbeitrag Dr. Jörg Krämer

Was tun gegen die hohe Inflation?

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Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank.
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Im Kampf gegen die steigende Inflation hat Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die EZB zum raschen und entschiedenen Kurswechsel aufgefordert. Die von den Finanzmärkten erwarteten Schritte in Richtung eines Leitzinses von null Prozent würden nicht genügen, schreibt Krämer im Gastbeitrag.

Berlin - Die Menschen sorgen sich wegen der hohen Inflation. Viele verlangen, dass die Politiker etwas dagegen tun. Der Finanzminister will nun die Stromabgabe zur Förderung der erneuerbaren Energien (EEG) früher abschaffen. Das ist grundsätzlich richtig, weil die Menschen beim Autofahren oder beim Heizen ihrer Wohnungen auf Elektrizität umsteigen sollen. Aber die Abschaffung der EEG-Umlage wird die Inflation allenfalls um 0,3 Prozentpunkte senken. Das wird die Wende bei der Inflation ebenso wenig bringen wie die staatlich verordnete Deckelung der Strompreise in Frankreich.

In der aufgeheizten Atmosphäre kommt es darauf an, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich klar zu werden über die Ursachen der hohen Inflation: Die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung haben dazu geführt, dass Hotels, Gaststätten, Restaurants, Kulturveranstalter, Fitnessstudios etc. ihre Dienstleistungen einschränken und phasenweise ganz einstellen mussten. Auch viele Industrieunternehmen konnten in der ersten Corona-Welle nicht arbeiten.

Corona-Inflation: Hohe Nachfrage trifft auf schrumpfendes Angebot

Jetzt fehlen ihnen häufig Vorprodukte, weil China Fabriken und sogar Häfen bei kleinsten Corona-Ausbrüchen schließt. Das Angebot an Waren und Dienstleistungen ist gesunken. Aber die Nachfrage blieb in vielen Ländern stabil oder zog wie in den USA sogar an, weil die Regierung großzügige Hilfen auszahlte und beispielsweise das Arbeitslosengeld phasenweise um 2.400 Dollar je Monat aufstockte. Eine gestiegene Nachfrage stieß auf ein geschrumpftes Angebot – kein Wunder, dass die Preise auf breiter Front steigen.

Stimme der Ökonomen

Klimawandel, Lieferengpässe, Corona-Pandemie: Wohl selten zuvor war das Interesse an Wirtschaft so groß wie jetzt. Das gilt für aktuelle Nachrichten, aber auch für ganz grundsätzliche Fragen: Wie passen die milliarden-schweren Corona*-Hilfen* und die Schuldenbremse zusammen? Was können wir gegen die Klimakrise tun, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen? Wie sichern wir unsere Rente? Und wie erwirtschaften wir den Wohlstand von morgen?

In unserer neuen Reihe Stimme der Ökonomen liefern Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler in Gastbeiträgen Einschätzungen, Einblicke und Studien-Ergebnisse zu den wichtigsten Themen der Wirtschaft – tiefgründig, kompetent und meinungsstark.

Drohende Lohn-Preisspirale

Um dieses inflationstreibende Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot zu beseitigen, sollte die Bundesregierung alle Spielräume nutzen, um die Corona-Beschränkungen zu lockern. Wenn sie möglichst alle Menschen wieder arbeiten lässt, steigt insbesondere das Angebot der Dienstleister. Die Menschen könnten ihr Geld dann wieder ungehindert für Freizeit und Urlaub ausgeben. Sie würden mit ihrer Kaufkraft nicht mehr in großem Stil auf Waren ausweichen und deren Preise nach oben treiben.

Aber damit ist es nicht getan. Es wird dauern, bis sich die Materialengpässe entspannen und die Inflation wieder Richtung zwei Prozent fällt, zumal China noch lange an seiner schädlichen Null-Corona-Politik festhalten dürfte. Aber je länger die Inflation hoch bleibt, desto mehr steigen die Inflationserwartungen der Menschen. Die Gewerkschaften werden das bei ihren Lohnforderungen berücksichtigen und höhere Lohnsteigerungen als Ausgleich für die erlittenen Kaufkraftverluste durchsetzen. Die stärker steigenden Arbeitskosten werden die Unternehmen in Form höherer Preise an die Konsumenten weitergeben. Es droht eine Lohn-Preis-Spirale.

Inflation: Steigender Handlungsbedarf durch die EZB

Hier kommt die Europäische Zentralbank ins Spiel. Sie muss handeln, damit die durch Corona angestoßene Inflation wieder runterkommt. Sie darf mit ihren Minuszinsen nicht weiter die Wirtschaft anfachen, die in Ländern wie Deutschland bereits unter Arbeitskräftemangel leidet. Sie darf nicht länger Staatsanleihen kaufen und so die hohen Ausgaben der Staaten finanzieren, die die Nachfrage zusätzlich anschieben.

Die EZB hat auf ihrer letzten Pressekonferenz in Aussicht gestellt, umzusteuern. Die Anleger erwarten mittlerweile zwei Zinsanhebungen zu je 0,25 Prozentpunkte. Der EZB-Einlagensatz wäre dann am Jahresende nicht mehr negativ. Aber das dürfte nicht reichen. Vielmehr muss die EZB auf eine neutrale Geldpolitik umschwenken, die sicherlich nicht bereits bei einem Leitzins von null Prozent erreicht wäre.

Zum Autor: Dr. Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank in Frankfurt.

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