Gastbeitrag Dr. Bert Flossbach

Ukraine-Krieg und der Preis der Rendite

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Dr. Bert Flossbach ist einer der bekanntesten Vermögensverwalter Deutschlands.
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Russlands Präsident Wladimir Putin führt Krieg in der Ukraine. Die Aktienmärkte sind unter Druck. Die Energiepreise dagegen steigen scheinbar unaufhaltsam. Was das für Anleger bedeutet, beschreibt der Chef des Kölner Vermögensverwalters Flossbach von Storch, Dr. Bert Flossbach.

Köln - Es fällt schwer, in diesen Tagen über Geldanlage zu schreiben. In Gedanken sind wir bei den Menschen in Kiew, Charkiw, Melitopol – in Mykolajiw oder Sumy*. Auch wenn die unfassbaren Bilder, die uns täglich aus der Ukraine erreichen, eine andere Sprache sprechen: Wir hoffen sehr, dass schon bald wieder miteinander gesprochen, statt aufeinander geschossen wird.

Nichtsdestotrotz ist es unser Job, sich um das Vermögen unserer Kunden und Anleger zu kümmern, auch – oder gerade – in Zeiten wie diesen. Denn die Unsicherheit ist groß, nachvollziehbarerweise. Viele Anleger fragen sich, ob es angesichts des Krieges in Europa und den möglichen Folgen nicht besser wäre, sämtliche Aktien aus dem Depot zu werfen, sie zumindest abzusichern. Leider ist das viel leichter gesagt als getan.

Stimme der Ökonomen

Klimawandel, Lieferengpässe, Corona-Pandemie: Wohl selten zuvor war das Interesse an Wirtschaft so groß wie jetzt. Das gilt für aktuelle Nachrichten, aber auch für ganz grundsätzliche Fragen: Wie passen die milliarden-schweren Corona-Hilfen und die Schuldenbremse zusammen? Was können wir gegen die Klimakrise tun, ohne unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen? Wie sichern wir unsere Rente? Und wie erwirtschaften wir den Wohlstand von morgen?

In unserer neuen Reihe Stimme der Ökonomen liefern Deutschlands führende Wirtschaftswissenschaftler in Gastbeiträgen ab sofort Einschätzungen, Einblicke und Studien-Ergebnisse zu den wichtigsten Themen der Wirtschaft – tiefgründig, kompetent und meinungsstark.

Ukraine-Krieg: Absicherungen kosten Geld

Absicherungsinstrumente sind meist teuer und schmälern deshalb langfristig die Rendite, einerseits. Andererseits hilft es dem Absichernden nicht, den richtigen Zeitpunkt des Absicherns zu erwischen. Er muss auch richtig liegen, wenn es darum geht, die Sicherungen wieder aufzulösen. Die Erfahrung lehrt, dass Teil zwei des Vorhabens der sehr viel Schwierigere ist – und nicht selten misslingt. So werden am Ende vor allem Kosten produziert.

Genauso ist es mit dem Ausstieg. Wer jetzt aussteigt, seine Aktien verkauft, aus Angst, der Markt könne noch weiter zurückfallen, und dabei hofft, später, zu niedrigeren Kursen, wieder einsteigen zu können, kann sich genauso irren. Und wer erst einmal raus ist, möglicherweise Kursverluste erlitten hat, findet nur selten den Weg zurück. Insofern wäre ich auch da vorsichtig.

Zumal es neben den Unwägbarkeiten des Krieges noch ein weit konkreteres Risiko für Anleger gibt: die Inflation. Ich hatte Ende vergangenen Jahres an dieser Stelle darübergeschrieben. Sie ist gekommen, um zu bleiben. An dieser Einschätzung hat sich seither nichts geändert.

Ukraine-Krieg: Es gibt keine Zinswende

Das Inflationsrisiko wird durch den Krieg nicht kleiner, ganz im Gegenteil, sondern sogar noch größer. Zum einen, weil Russland als bedeutender Energielieferant ausfallen könnte und die Öl- und Gaspreise weiter steigen und damit die Inflationsrate in die Höhe treiben. Zum anderen, da der Versuch der Europäischen Zentralbank, ihre Zinspolitik zu normalisieren, gescheitert sein dürfte, noch ehe er begonnen hat.

Denn der Krieg bremst nicht nur das globale Wirtschaftswachstum, er lässt auch die (Staats)Schulden immer weiter steigen – nehmen wir den massiven Anstieg der Rüstungsausgaben in Deutschland als Beispiel. Die weltweiten Schulden können langfristig nur bezahlt werden, wenn die Zinsen tief bleiben. Weder das eine, eine spürbare Abkühlung der Weltwirtschaft, noch das andere, eine Überforderung der Schuldner, ist im Sinne der Notenbanken. Ihnen sind die Hände gebunden – das gilt mehr denn je.

Steigende Inflation bei gleichbleibenden, im besten Falle leicht steigenden Nominalzinsen, also in Summe negative Realzinsen, lassen die Guthaben auf Sparkonten und Tagesgelder dahinschmelzen. Jahr für Jahr.

Bisher hat es so etwas in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben – negative Realzinsen. Immer wenn die Inflation in der Vergangenheit hoch war, waren die Zinsen höher. Heute und in Zukunft ist das anders. Anleger sollten sich darauf einstellen.

Wer sein Vermögen langfristig erhalten will, braucht deshalb mehr Sachwerte, nicht weniger. Auch an dieser Einschätzung verändert der Krieg in der Ukraine nichts. Er braucht allen voran Aktien guter Unternehmen, so zynisch das in diesen Tagen auch klingen mag.

Ukraine-Krieg: Keine gute Zeit, um Aktien zu verkaufen

Ich will nicht ausschließen, dass die Börsen in den kommenden Wochen und Monaten nochmals zurückfallen werden. Dass die Nervosität an den Kapitalmärkten hoch bleibt. Kursschwankungen aushalten – das ist der Preis, den Anleger in einer Welt negativer Realrenditen zu zahlen bereit sein müssen, um langfristig auskömmliche Renditen erzielen zu können. Um ihr Vermögen langfristig zu erhalten.

Jetzt ist jedenfalls nicht der richtige Zeitpunkt, um Aktien zu verkaufen. Besser wäre es, Aktien zu kaufen – wenn gute Unternehmen zu Unrecht oder über Gebühr abgestraft werden. Das fällt schwer, ich weiß; aber anders geht es nicht. Die Turbulenzen an den Börsen werden vorbeigehen, wie immer.

Hoffen wir, dass auch der Krieg bald vorbei sein wird.

Zum Autor: Dr. Bert Flossbach ist Gründer und Vorstand der Flossbach von Storch AG in Köln.

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