Freude über den Nachschlag

Die Politik gibt der Branche weitere Milliarden für Öko-Umbau und Coronahilfe. Während sich Hersteller freuen, vermissen Umweltschützer eine echte Verkehrswende.
  • Sehen so die Laster von morgen aus? Wer seinen alten Lkw ersetzt, bekommt Geld. Foto: Daimler AG Foto: Daimler AG
Falls noch irgend jemand beim Thema Batterieantrieb unsicher war, seit Dienstagabend ist klar: Nicht nur die Autobauer, auch die Bundesregierung fährt voll auf Elektro ab. Mit einem Bündel von Maßnahmen und vielen Bündeln Geld will die Politik die deutsche Autoindustrie bei ihrer kurzen Reise vom Verbrennungsmotor zum elektrischen Antrieb unterstützen. Kanzlerin Angela Merkel sagte rund fünf Milliarden Euro unter anderem für eine Verlängerung der Unterstützung von Elektroautos, mehr Ladesäulen und eine Abwrackprämie für Lastwagen zu (siehe Info-Kasten). Am vierten Strategietreffen der Automobilindustrie nahmen neben Mitgliedern der Bundesregierung die Ministerpräsidenten der Automobilländer Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen, Vertreter der IG Metall und Wissenschaftler teil.

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA) Hildegard Müller sieht in der Verlängerung der „Innovationsprämie“ für Elektroautos einen wichtigen Beitrag für Klimaschutz und Wirtschaftskraft. Bereits jetzt kämen jede Woche 12 000 neue E-Autos auf die Straße. Der Weg zur Klimaneutralität werde aber nur erfolgreich sein, wenn Wohlstand und Wirtschaftskraft erhalten blieben, sagt Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Die Hilfen seien „gute Zukunftsinvestitionen, die sich für künftige Generationen bezahlt machen“. In Deutschland erwirtschaftet die Branche mit 830 000 Beschäftigten rund 450 Milliarden Euro. Europaweit hängen 14 Millionen Jobs an der Automobilindustrie.

„Wichtig und richtig“ sei laut Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU im Bundestag, dass der Zulieferindustrie geholfen werde. Die IG Metall dringt wegen der angespannten Marktlage auf eine rasche Umsetzung. Und für den Autoexperten Stefan Reindl ist die Verlängerung der Hilfen wichtig, „weil wir mit den Produkten nicht hinterherkommen“.

Positive Stimmen kommen von den Autobauern selbst. „Das Geld ist sinnvoll angelegt“, sagt Daimler-Sprecher Jörg Howe. „Neben der Unterstützung zum Kauf neuer Lkw wird auch intelligente Trailer-Technologie unterstützt.“ Mit digitaler Achsensteuerung oder Reifenluftmessung etwa lässt sich umweltfreundlicher Fahren. Spediteure, die ihren Fuhrpark erneuern, können mit Geld rechnen. „Wichtig ist auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur und ein Verbesserung beim Bezahlen“, sagt Howe. Konkurrent VW sieht dies genauso. Ein schnellerer Ladenetz-Ausbau sei ein zentraler Schritt, heißt es aus Wolfsburg. Die Nachfrage nach E-Autos wachse, es gebe in vielen Regionen aber noch großen Nachholbedarf bei den Lademöglichkeiten.

Auch Anton Hofreiter fordert ein enger werdendes Ladenetz. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende wertet den Autogipfel aber als „vertane Chance“ zur „konsequenten Ausrichtung an Modernisierung und Klimaschutz“. Hofreiter wünscht sich eine Abgabe für „klimaschädliche Spritschlucker“ mit der „Null-Emissions-Fahrzeuge“ unterstützt werden. Das spare Steuergelder. Diese Bonus-Malus-Regelung will auch Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Die zugesagte Verlängerung der E-Auto-Prämie ist rausgeschmissenes Geld, solange die indirekten und umweltschädlichen Subventionen für konventionelle Antriebe, von Dieselsteuererleichterung bis Pendlerpauschale bestehen bleiben“, teilt sie dieser Zeitung mit. „Ein ,Auto-Gipfel' ist nicht mehr zeitgemäß, besser wäre ein ,Mobilitätsgipfel', der nicht den Autoverkehr, sondern die Mobilität der Zukunft fördert.“

Die Beschlüsse kommen bei Umweltschützern schlecht an, weil sie auch Diesel fördern. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) spricht sich gegen eine weitere Förderung „klimaschädlicher Fahrzeuge“ aus. (mit dpa)
© Südwest Presse 19.11.2020 07:45
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