Gegen die Plastikflut in Indien

Das deutsche Start-up Bio-Lutions produziert aus Pflanzenabfällen vollständig abbaubare Einwegteller. Zwei weitere Werke sind geplant.
  • Aus Pflanzenabfälle werden Bio-Einwegteller: In der mit deutschen Krediten subventionierten Fabrik in Indien beschäftigt die Hamburger Start-up-Firma Bio-Lutions 20 Mitarbeiter. Eine Verdoppelung der Produktion ist bereits geplant. Foto: Rolf Obertreis

Noch wirkt die Halle fast leer, aber vier Press-Maschinen sorgen für höllischen Lärm. „In den nächsten Tagen erwarten wir vier weitere Maschinen“, sagt Kurian Mathew, Chef des indischen Ablegers des Hamburger Start-ups Bio-Lutions, vor der Halle in Mayaganahalli, 40 Kilometer südwestlich der indischen Software-Metropole Bangalore.

Mathew zeigt auf Säcke mit kleingehäckselten, trockenen Pflanzenresten. „Das waren Blätter von Zuckerrohr-Pflanzen, von Ananas- und von Tomatenstauden und Stämme und Blätter von abgestorbenen Bananenstauden.“ Bio-Lutions sammelt die Pflanzenreste nicht einfach ein, es kauft den Bio-Abfall rund 15 000 Bauern ab, beschert ihnen dadurch ein zusätzliches Einkommen. Bis zu sechs Tonnen werden täglich angeliefert.

Bio-Lutions will dazu beitragen, dass die Plastik-Flut in Indien ein wenig eingedämmt wird. Wobei im Bundesstaat Karnataka, wo die Fabrik steht, Einweg-Plastik komplett verboten ist. Aber in Indien sind alternative Angebote rar, deshalb hat sich Bio-Lutions mit seiner ersten Anlage den Subkontinent ausgesucht und dort 2 bis 3 Mio. EUR investiert. Dabei wird das Start-up von der Deutschen Investitionsgesellschaft DEG mit einem Kredit von 500 000 EUR unterstützt.

„Die Pflanzenreste sind der beste Rohstoff für unsere Produkte“, sagt Mathew. Sie werden geschreddert, gewaschen und getrocknet. Dann wird das Material in einem speziell von Bio-Lutions entwickelten mechanischen Verfahren so aufbereitet, dass sich die Fasern ohne chemische Zusätze verbinden können ähnlich wie ein Klettverschluss.

Die Rohmasse – ein Faserbrei aus 95 Prozent Pflanzenresten und 5 Prozent Wasser – wird in die vier aus China stammenden Maschinen geleitet und bei hohen Temperaturen in die jeweilige Form gepresst. Mehrere Preise hat Bio-Lutions dafür bereits erhalten. Die kompostierbaren Produkte – hier in der Fabrik sind es braune Teller und Nierenschalen – werden mit einer biologisch abbaubaren Beschichtung versehen.

Zu den Kunden von Bio-Lutions zählen Bigbasket, der größte Online-Supermarkt in Indien; Licious, der größte Online-Fleischhändler des Landes; Coffee Day, das Pendant zu Starbucks; die indische Eisenbahn und Fluglinien. Bio statt Plastik soll es nach dem Willen von Bio-Lutions auch in Kliniken des Landes heißen.

Ohne Einsatz von Chemie

Dabei ist wichtig, dass die Teller und Schalen nicht mehr kosten als Plastik-Produkte. „Nachhaltigkeit darf nicht teurer sein“, sagt Bio-Lutions-Managerin Celine Barth. Wobei es dem Unternehmen mittelfristig nicht nur um Teller und Schalen geht, sondern auch um Verpackungen etwa für Elektronik als Ersatz etwa für Styropor.

Klar ist für das Unternehmen, dass nur Pflanzenreste und Pflanzenabfall genutzt werden, aber keinesfalls etwa Rapsöl oder auch Viehfutter. „Wir nehmen nichts was Essen ist, und aus hygienischen Gründen auch keine Lebensmittelabfälle.“

Die Herstellung läuft ohne den Einsatz von Chemie. Damit will sich Bio-Lutions von der Konkurrenz abheben. „Alles was bislang auf dem Markt ist, basiert auf Zellulose oder wird mit chemischen Zusätzen hergestellt“, sagt Barth. Zudem verbraucht die Produktion viel Energie und Wasser. Bei Bio-Lutions sind es pro Kilo Verpackung nur vier Liter.

Dass Konkurrenten einen ähnlichen Weg einschlagen könnten schreckt die Hamburger nicht. „Es gibt so viele Plastikverpackungen, dass wir gar nicht nachkommen“, betont Barth. Deshalb werden die Anlagen in Mayaganahalli auf 16 Maschinen und dann rund 80 Beschäftige für drei Schichten ausgeweitet. Zwei namhafte Investoren habe man schon gewonnen.

In Indien haben die Bio-Lutions-Teller einen weiteren Vorteil. Kühe fressen oft Abfälle, im Fall von Plastik kann das bedenkliche Folgen haben. Bei Bio-Tellern gibt es diese Probleme nicht. Weil die Teller zu 100 Prozent kompostierbar sind, würden bei der Einführung in Deutschland im Übrigen auch die Kosten für den Grünen Punkt wegfallen.
© Südwest Presse 11.01.2019 07:46
222 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.