Grüne Flotte

Eine EU-Richtlinie setzt die Betreiber des ÖPNV massiv unter Druck. Die höheren Standards sollen die Verkehrswende auf den Weg bringen.
  • In zahlreichen deutschen Städten sind bereits E-Busse auf den Straßen unterwegs. Die EU will mit der Richtlinie den Umbau der Flotten beschleunigen. Foto: Christian Charisius/dpa
Clean Vehicles“ heißt eine von der EU verabschiedete Richtlinie, die mehr CO2-neutral betriebene Busse auf die Straßen der Europäischen Union bringen soll. Laut dem Beschluss sollen von 2025 an bei allen neu abgeschlossenen öffentlichen Aufträgen mindestens 45 Prozent der Busse alternative Antriebe besitzen. Bis Mitte 2021 müssen nun die Mitgliedstaaten die Richtlinie in nationales Recht umsetzen.

Verkehrsanbieter beginnen jedoch bereits jetzt ihre Busflotten auf elektrisch betriebene Modelle umzurüsten. So planen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) etwa für 220 Millionen Euro 200 Diesel-betriebene Linienbusse, teils Doppeldecker und Gelenkfahrzeuge, durch E-Fahrzeuge zu ersetzen. Erste Bestellungen gingen nach China. Die gesamte Flotte umfasst 400 Fahrzeuge. Deutsche Anbieter, die Linienbusse von Diesel auf Elektro umrüsten, warnen vor Käufen im Ausland. Andreas Pfeffer, Geschäftsführer von „I see Electric Busses“: „Umrüsten ist nachhaltiger, weil Bestände weiter genutzt werden, und 50 Prozent günstiger als ein Neukauf.“

Zudem stehen europäische Hersteller im Wettbewerb mit chinesischen, türkischen und osteuropäischen Anbietern. „Wegen der geringeren Reichweite von aktuell – je nach Topographie – maximal 200 Kilometern und der Ladezeiten, braucht es in Summe bis zu 40 Prozent mehr Busse,“ sagt Witgar Weber. Dem Geschäftsführer des Verbandes baden-württembergischer Omnibusunternehmer (WBO) zufolge, verursacht die Umsetzung der EU-Richtlinie 300 Prozent Mehrkosten. Begründung: 40 Prozent mehr Busse, die 80 Prozent teurer sind zuzüglich Ladeinfrastruktur auf mehr und größeren Betriebshöfen. Zudem müsse genügend regenerativ produzierter Strom zur Verfügung stehen.

In Summe, darin sind sich die Experten einig, ist die EU-Beschaffungsrichtlinie ein gigantisches Konjunkturpaket, von dem Automobilzulieferer profitieren, sei es durch die Umrüster oder Hersteller wie MAN, Daimler, Volvo oder Iveco. „Die EU-Richtlinie ist richtig, aber die Mehrkosten dürfen nicht an den Betreibern hängen bleiben,“ sagt Eberhard Geiger. Der Geschäftsführer der Omnibusverkehr Göppingen (OVG) bewegt aktuell mit 90 Fahrern 65 Busse. Er geht davon aus, dass die Umsetzung lange dauern wird. So hat sein Betrieb noch 2018 Verträge mit zehn Jahren Laufzeit abgeschlossen, die Bestandsschutz genießen. Und weil der Bundestag aufgrund von Corona die EU-Richtlinie noch nicht in nationales Recht umgesetzt hat – das soll bis Weihnachten geschehen – kenne niemand die Eckpunkte. Der WBO empfiehlt etwa, Betriebe mit weniger als 24 Linienbussen freizustellen. Auch müsse der Bund die Finanzierung der Mehrkosten regeln.

Gigantisches Konjunkturpaket

Experten warnten zuletzt, dass die Umsetzung der EU-Richtlinie an den Kapazitäten scheitern werde, wenn nicht jetzt schon große Volumina geordert werden. „Wir Umrüster, die Hersteller und unsere Zulieferer brauchen Planungssicherheit und Nachfrage, um unsere kapitalintensive Produktion hochzufahren“, fordert Andreas Pfeffer, der etwa für die Bahntochter Autokraft Busse wahlweise auf Strom und Wasserstoff umrüstet. Bereits jetzt liege man hinter den Planzahlen, die schon 2019 verfehlt wurden, auch im laufenden Jahr zurück.

Grundsätzlich prognostizieren Verkehrsplaner dem ÖPNV eine Renaissance, um Innenstädte autofrei zu bekommen und die Klimaziele zu erreichen. Vielerorts wurden bereits 2019 Verträge um bis zu 25 Prozent ausgeweitet, um Taktzeiten zu reduzieren oder Busse bis 23 Uhr fahren zu lassen, um die „letzte Meile“ auf den Schienenverkehr abzustimmen. Es wurde offensichtlich, dass der Engpass die hohen Investitionen für zusätzliche Fahrzeuge sind – und der Mangel an Fahrern.
© Südwest Presse 21.11.2020 07:45
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