Klöckner krempelt Fleischmarkt um

Eine Tierwohlabgabe und damit ein höherer Preis für Verbraucher rücken näher. Das ist ein Ergebnis des Branchentreffs „Vom Stall bis zum Teller“.
  • Frisch geschlachtete Schweine hängen in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies. Foto: Bernd Thissen/dpa
Hundert Gramm Hähnchenfleisch für 17 Cent“ – solche Angebote soll es nach dem Willen von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) nicht mehr geben. Nach einem branchenübergreifenden Gespräch zur Nutztierhaltung am Freitag sagte sie, erstmals habe sich die gesamte Kette vom Erzeuger bis zum Handel für eine Tierwohlabgabe ausgesprochen. „Wir waren noch nie so weit.“ Die Umsetzung wird Jahre dauern: „Das ist keine Frage einer Legislaturperiode“.

Am Branchentreff Fleisch „Vom Stall bis zum Teller“ in Düsseldorf nahmen Vertreter von Landwirten, Schlachtbetrieben und Handelsunternehmen teil, Tierschützer, Verbraucherschützer und Vertreter des Kartellamtes. Grund für das Treffen sind die Corona-Ausbrüche in großen Schlachtbetrieben. Corona habe „wie ein Brennglas“ die Probleme erkennbar werden lassen, sagte Klöckner. Nicht eingeladen waren die Gewerkschaften als Vertreter der Arbeitnehmer in den Schlachthöfen, dies werde Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) machen.

„Der Preis für Fleisch und Wurst gibt nicht den wahren Wert wider“, kritisierte Klöckner. Fleisch solle zwar keine Luxusware werden, „aber auch keine Alltags-Ramschware“. Die von Klöckner eingesetzte Borchert-Kommission hatte im Februar eine Steuer von 40 Cent pro Kilo Fleisch vorgeschlagen. Das Geld solle in einen Fonds fließen, aus dem Landwirte Mittel für Um- oder Neubau von Ställen bekommen können. Dafür sprach sich nun Klöckner aus. Die Umsetzung hänge aber ab von vielen Faktoren – vor allem auch der EU-Gesetzgebung. „Wir wollen nicht, dass die Produktion von Fleisch ins Ausland abwandert.“ Sie wolle daher zunächst das europäische Tierwohlkennzeichen voranbringen. Schneller soll demnach die Überprüfung gehen, ob Werbung mit Dumpingpreisen für Fleisch nicht verboten werden könne. Es sei nicht einfach, in die Preisgestaltung einzugreifen, sagte Klöckner. Möglich sei dies vielleicht unter Verweis auf ethische Gründe.

Gastgeberinnen des Branchengesprächs waren auch die Landwirtschaftsministerinnen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Ursula Heinen-Esser (CDU) und Barbara Otte-Kinast (CDU). In beiden Ländern konzentrieren sich 60 Prozent der schweinehaltenden Betriebe, hier arbeiten die vier größten Schlachthöfe des Landes. Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück etwa werden 25 000 Tiere pro Tag geschlachtet.

Nach Angaben von Heinen-Esser ging es auch um die Versorgungssicherheit und die Aufrechterhaltung der Lieferketten. Wenn ein großer Schlachtbetrieb ausfalle, dann sei das aufzufangen – bei mehreren gleichzeitig sei das problematisch. Die Landwirte müssten dann flexibel reagieren. Otte-Kinast betonte, die Politik habe auch „ein großes Interesse daran, unsere Landwirtschaft zu halten in unseren Ländern und weiter nach vorn zu bringen. Sie verglich den Umbau der Tierhaltung mit dem Ausstieg aus der Atomkraft: Auch das sei gesellschaftlich gewollt gewesen, alle hätten es finanziell über die EEG-Umlage mitgetragen. „Nun müssen wir ähnlich frech sein und in diese Richtung denken.“

Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder, der an dem Treffen teilnahm, äußerte sich enttäuscht: „Es wurde geredet, es wurde sich ausgetauscht. Aber konkret wurde es nicht.“ Es brauche klares und schärferes Ordnungsrecht. Es brauche starken Vollzug und durchgreifende Kontrolle. „Dieser Dreiklang fehlt derzeit.“ afp
© Südwest Presse 27.06.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy