Per Ausbildung zum Bachelor

In einem Pilotprojekt soll die klassische Lehre auch den Weg zu akademischen Abschlüssen öffnen. Davon sollen Azubis, Betriebe und Kunden profitieren.
  • Handwerkliche Ausbildung oder akademischer Abschluss – in Zukunft soll beides möglich sein. Foto: ©Goran Bogicevic/shutterstock.com
In Sachen Fachkräften gibt es im Moment zwei Herausforderungen. „Wir haben zu wenige und wir brauchen die besten“, erklärt Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm. Darum will die Handwerkskammer gemeinsam mit den regionalen Hochschulen und dem Helmholtz-Institut in Ulm die handwerkliche Ausbildung enger mit der Universitätslaufbahn verknüpfen. Auch wer eine Ausbildung macht, soll so die Chance auf einen Bachelor- oder Masterabschluss haben.

Dafür wurde ein Konzept mit dem sperrigen Namen „Innovative Exzellenzqualifikation Handwerk DQR 4-7“ bei einem Innovationswettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung eingereicht – es wird nun als eines von zwei Projekten in Baden-Württemberg gefördert. Über die kommenden vier Jahre fließen bis zu 4,5 Millionen Euro für die Entwicklung der neuen Berufsbildung.

Betriebe, mit denen das neue Konzept entwickelt werden soll, haben sich auch schon gefunden: Elf Unternehmen aus dem Gebiet der Handwerkskammer Ulm sind dabei. „Wir brauchen Betriebe, die auch eine gewisse Flexibilität mitbringen, da vieles noch unklar ist“, erklärt Mehlich. Von September an dürften einige der noch offenen Fragen geklärt werden – bis aber die ersten Azubis starten können, wird es noch ein gutes Jahr dauern.

Im Anschluss an die Ausbildung zum Elektroniker könnte dann zum Beispiel in anderthalb Jahren berufsbegleitend noch der neue Abschluss „Bachelor Professional“ angehängt werden, der einem akademischen Bachelor gleichwertig wäre. Später dann noch der „Master Professional“.

Oder eine Studienanfängerin stellt fest, dass ihr die Elektrotechnik zu trocken ist. Sie könnte dann auf den Weg zum „Bachelor Professional“ umsatteln, wo sie mehr Praxisbezug hätte, aber sich gleichzeitig nicht vom akademischen Abschluss verabschieden muss.

„Unsere Bildungswege sind bisher zu wenig durchlässig“, beklagt denn auch Mehlich. Viel zu früh müsse man sich zwischen einer beruflichen und einer universitären Ausbildung entscheiden, darum wolle man jetzt dieses zweigleisige System enger zusammenführen.

Ziel soll auch sein, wieder mehr Jugendliche für handwerkliche Berufe zu begeistern, denn die streben im Moment gerne Abitur und Universität an. Unter anderem, weil ihnen im Handwerk die oberen Karriereschritte, also Abschlüsse wie Bachelor und Master, nicht offen stehen. „Wir wollen darum einen Karriereweg entwickeln, der auch für die Handwerker bis zum Schluss führt“, erklärt Mehlich.

Profitieren sollen aber auch die Betriebe, die auf diesem Weg hochqualifizierte Fachkräfte ausbilden können. Und vor allem auch die Verbraucher. „Der Kunde will heute nicht mehr nur Fliesen, der will ein ganzes Bad. Mit der Elektrik, der Sanitärinstallation und allem drumherum“, sagt Mehlich. „Da ist Projektmanagement gefragt.“

Viel Arbeit kommt jetzt auf die Handwerkskammer zu: Die Inhalte der Lehrgänge müssen definiert und Prüfungsinhalte entwickelt werden. Gemeinsam mit den Hochschulen und Forschungsinstituten müssen Verantwortlichkeiten aufgeteilt werden – und der Handwerksnachwuchs muss von dem Projekt erfahren. Wenn die neue akademisierte Ausbildung dann im nächsten Jahr startet, wird man genau beobachten, wie das Projekt läuft. Und die Ergebnisse dem Bundesbildungsministerium vorlegen, damit vielleicht in Zukunft bundesweit die Azubis davon profitieren können.
© Südwest Presse 31.07.2020 07:45
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