Coronavirus Deutschland aktuell

Vorsichtig zuversichtlich

Die Wirtschaftsweisen rechnen mit einem nicht ganz so großen Einbruch durch Corona. Doch erst 2022 dürfte das Vorkrisenniveau wieder erreicht sein.
  • So sieht die Prognose aus Foto: Grafik Reichelt / Quelle: Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
Der Wirtschaftseinbruch durch die Corona-Pandemie fällt in diesem Jahr nicht ganz so groß aus wie befürchtet. Doch die Lage bleibt fragil. „Die Corona-Krise ist noch nicht bewältigt“, warnte der Vorsitzende der fünf Wirtschaftsweisen, Lars P. Feld, bei der Vorstellung ihres Jahresgutachtens angesichts der ungewissen Entwicklung der Pandemie. Für 2020 rechnet der Sachverständigenrat damit, dass die Wirtschaft um 5,1 Prozent schrumpft. Im Juni hatte er noch ein Minus von 6,5 Prozent befürchtet. Dafür ist er für 2021 vorsichtiger: Das Bruttoinlandsprodukt werde um 3,7 Prozent wachsen. Bis der Einbruch überwunden ist, dürfte bis weit ins Jahr 2022 dauern.

Bei ihrer Prognose haben die fünf Professoren schon die Auswirkungen des „Lockdown light“ im November berücksichtigt, der in diesem und im nächsten Jahr jeweils etwa 0,2 Prozentpunkte Wachstum kosten dürfte. Zurückhaltend äußerte sich Feld zum Thema Impfstoff: Wenn er rasch komme, könne das Zuversicht wecken. „Dann könnte es etwas besser laufen. Aber darauf verlassen würde ich mich noch nicht.“ Wichtige Punkte des Gutachtens:

Arbeitsmarkt In diesem Jahr dürfte die Zahl der Arbeitslosen um 439 000 auf 2,7 Millionen steigen. Damit klettert die Arbeitslosenquote von 5,0 auf 5,9 Prozent. Dagegen bleibt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit 33,6 Millionen praktisch unverändert. Im nächsten Jahr rechnen die Weisen mit 40 000 zusätzlichen Arbeitslosen. Die Bruttolöhne und -gehälter dürften 2020 um 1,8 Prozent sinken. Die Einkommen der Haushalte nehmen nicht so stark ab, weil das Kurzarbeitergeld in dieser Rechnung nicht bei den Löhnen erfasst wird, sondern bei den Sozialleistungen.

Preise Nicht nur die Senkung der Mehrwertsteuer im zweiten Halbjahr dürfte die Inflation in diesem Jahr bremsen, sondern auch der niedrige Ölpreis. Die Sachverständigen rechnen 2020 nur mit einer Preissteigerung von 0,6 Prozent. 2021 könnten es wieder 1,7 Prozent werden, schon weil dann die Mehrwertsteuer wieder steigt.

Konjunkturpaket Die Maßnahmen dürften zur Erholung beitragen. Allerdings sind sie „nicht in allen Teilen zielgenau“, kritisieren die Professoren. Die Senkung der Mehrwertsteuer veranlasste nur wenige Verbraucher zu mehr Konsum. Dringlich ist für die Weisen eine Ausweitung des steuerlichen Verlustrücktrags für Unternehmen. Zudem sollten die Überbrückungshilfen stärker je nach der Betroffenheit durch die Krise differenziert werden. In einer Energiepreisreform sollten die EEG-Umlage für Ökostrom abgeschafft und die Stromsteuer auf den Mindestsatz in der EU reduziert werden.

Staatsdefizit Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung dürften in diesem Jahr ein Rekord-Defizit von 184,7 Milliarden Euro ausweisen. Dadurch steigt die Schuldenquote von knapp 60 auf 72,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im nächsten Jahr könnte sie leicht sinken, weil zwar erneut ein Defizit von 123,5 Milliarden Euro droht, aber die Wirtschaft wieder deutlich wächst.

Demografischer Wandel Geburtenstarke Jahrgänge, die in Rente gehen, und die steigende Lebenserwartung belasten die gesetzliche Rentenversicherung. Daher plädiert die Professoren dafür, Rentensenkungen nachzuholen, die nach der Rentenformel eigentlich erforderlich wären. Die Rentengarantie verhindert Senkungen, wie sie eigentlich etwa 2021 nötig wären. Derzeit ist die Regel ausgesetzt, dass dies in späteren Jahren nachgeholt wird. Langfristig will die Mehrheit der Räte, dass mit steigender Lebenserwartung auch das Rentenalter automatisch erhöht wird. Dem widerspricht allerdings Achim Truger, der von den Gewerkschaften für den Rat benannt wurde.
© Südwest Presse 12.11.2020 07:45
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