Werden E-Autos zu Steh-Autos?

In Deutschland gebe es zu wenig Lademöglichkeiten für Elektro-Fahrzeuge, heißt es. Experten und Politiker denken anders.
  • Manchmal muss es schnell gehen. Wer an die Ostsee reist, kann nicht stundenlang warten, bis die Batterie voll ist. Deutsche wünschen sich mehr Schnellladestationen. Foto: Jan Woitas/dpa
  • Noch viele fehlen. Foto: Grafik Peters / Quelle: Bundestag, Bundesnetzagentur
  • Das Auto gibt die Ladezeit vor. Foto: Grafik Peters / Quelle: Eon
Beim Thema „Ladestationen für Elektro-Autos“ zeigt jeder mit dem Finger auf den anderen: Autohersteller, Politiker, Experten, Kommunen, Energieunternehmen. Wer trägt die Schuld daran, dass es zu wenige Möglichkeiten zum Laden in Deutschland gibt? Ist es die Politik, die den Ausbau nicht voranbringt? Sind es private Mieter, die keine Ladestation in der Garage wollen? Oder ist alles gar eine Phantom-Diskussion, weil die Zahl der Ladepunkte sehr wohl ausreicht und es auch in Zukunft keinen Mangel geben dürfte?

Einig sind sich alle Beteiligten jedenfalls in der Wichtigkeit dieses Themas. Auch die Bürger: Zwar können sich mittlerweile zwei Drittel nach einer Bitkom-Umfrage vorstellen, ein E-Auto zu kaufen. Genauso viele kritisieren aber fehlende Möglichkeiten zum Laden. Vier von zehn Befragten befürchten, dass auch deshalb die deutsche Automobilindustrie die Wende hin zu Elektroautos verpasst.

Doch das scheint überflüssig: Seit Sommer schnellen die Verkaufszahlen von E-Autos in Deutschland in die Höhe. Im Dezember fuhr mehr als jeder vierte Neuwagen rein batteriebetrieben oder hatte zumindest neben dem Verbrenner- einen Elektromotor, der sich per Stecker aufladen lässt (Plug-in-Hybrid).

Im Gesamtjahr kamen knapp 395 000 E-Autos auf die Straße – die millionenschwere Förderung zeigt Wirkung. Aber das kann nur ein Anfang sein: Die Bundesregierung hält 7 bis 10 Millionen E-Autos bis 2030 für nötig, um ihre Klimaschutzziele zu erreichen.

Für den Verband der Automobilindustrie (VDA) werden aktuell viel zu wenig Lademöglichkeiten errichtet. Statt 200 neuer Ladepunkte pro Woche seien zehn Mal so viele notwendig, mahnt der Lobbyverband. Nur dann gebe es eine Chance, die von der Bundesregierung angestrebte Zahl von einer Million Säulen bis 2030 zu erreichen. Lange Zeit hatte der VDA sogar 2000 neue öffentliche Ladesäulen pro Woche gefordert. Inzwischen halbierte der Verband die Forderung, da die Nationale Leitstelle Ladeinfrastruktur nur von nötigen 440 000 bis 843 000 Ladepunkten bis zum Ende dieser Dekade ausgeht.

Thomas Ulbrich, VW-Elektrovorstand, spricht von einer „drohenden Ladelücke“, die schon im Frühjahr deutlich spürbar werden könnte. Aktuell kämen auf einen Ladepunkt in Deutschland 14 Elektrofahrzeuge. In der Branche gelte ein Verhältnis von 1:10 eigentlich als ideal, im April könnten es 1:20 sein. Auch die Lastwagen-Branche bereitet die Elektrifizierung ihrer Flotten vor. Deshalb verlangt MAN-Vorstandschef Andreas Tostmann ebenfalls den Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Anton Hofreiter wirft der Bundesregierung vor, bei dem Thema auf der Bremse zu stehen. „Der Ausbau der Ladeinfrastruktur muss deutlich beschleunigt werden“, sagt der Grünen-Fraktionschef. Für den VDA ist der Bestand ebenfalls „absolut unzureichend“, Ende 2018 habe es etwa in China schon 330 000 öffentlich zugängliche Ladepunkte gegeben.

Ein Problem: Ein wichtiger Anteil an der Versorgung der Autofahrer mit Strom entfällt auf nichtöffentliche Stellen wie Unternehmensparkplätze oder heimische Garagen. Das Wohnungseigentumsmodernisierungs-Gesetz (Wemog) soll verhindern, dass nur ein Besitzer in einem Haus allen anderen den Einbau von privaten Ladestationen verwehrt. Das Gebäude-Elektromobilitätsinfrastruktur-Gesetz (Geig) könnte zusätzlich einmal Leerrohre in Gebäuden mit mehr als zehn Stellplätzen vorschreiben, um später Ladesäulen an das Stromnetz anzuschließen. Das Problem: Das Gesetz ist zwischen SPD und CDU umstritten und sollte eigentlich schon Anfang Juli im Bundestag beschlossen werden – Ausgang ungewiss. Der Bundesverkehrsminister verwies Anfang Dezember auf Förderprogramme wie die Subvention privater Ladestationen mit 900 Euro. Andreas Scheuer kündigte mehr als 4 Milliarden Euro für den Ausbau von Ladestationen und Wasserstoff-Tankstellen an.

Für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ist sowieso „die Fixierung auf bestimmte Zahlen nicht zielführend“. Es komme vielmehr darauf an, wo die Ladestationen errichtet würden und ob es sich um Schnellladesäulen handele. Eine Ansicht, die Theon-Data-Geschäftsführer Ludwig Hohenlohe teilt. „Momentan gibt es keine Engpässe und genug Ladepunkte, auch wenn es in manchen Regionen voller wird“, sagt der Berater. Man dürfe die Diskussion um Lademöglichkeiten „nicht so sklavisch führen“. Autos müssten mit ihrer immer größeren Reichweite auch seltener ans Kabel. Wichtig sei ein „guter Mix“ an Schnellladestationen etwa an Autobahnen, Ladestationen an halböffentlichen Orten wie Supermärkten, Parkhäusern, Sportstudios und Ladepunkten an Arbeitsstätten und Wohnhäusern. „Laden ist nicht sexy, es muss möglichst bequem sein.“

Doch oft ist es alles andere als bequem: Für manche E-Auto-Besitzer gleiche das Aufladen einem 3D-Schach: Denken in verschiedenen Dimensionen, sagt Hohenlohe. Wichtig sei etwa, welche Lade-Karte an welcher Ladestation zu welchem Preis die beste sei oder ob mit Kreditkarte bezahlt werde. Die Zeit spiele eine Rolle und ob eine Blockadegebühr das Dauerparken an Ladestationen verhindern solle. Die Preise glichen einem Flickenteppich. Und wehe, man wolle im Ausland mit seiner vertrauten Tankkarte zahlen, da könne es dann sehr teuer werden.

Aber auch hier gibt es andere Meinungen. Für Heiko Willrett von ENBW, einem der größten bundesweiten Anbieter, ist das Aufladen nicht kompliziert. „Bei uns kostet es 29 Cent bei 5 Euro Monatsgebühr und wir haben 85 Prozent Abdeckung“, sagt der Pressesprecher, der ebenfalls wenig von einem Verhältnis von 10:1 von E-Autos zu Ladestationen hält – das gebe es bei Benzinern auch nicht. Eine weitere Angst will Willrett den Deutschen in jedem Fall nehmen: „Dass das Stromnetz das Laden von E-Autos künftig nicht aushält, ist eine fatale Fehlannahme.“
© Südwest Presse 16.01.2021 07:45
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