Zwischen Pandemie und Ölpreisschock

Nach einem guten Jahr steht die Branche vor Herausforderungen. Die Streichung von Aufträgen droht.
  • Großanlagen in Russland und Saudi-Arabien stehen auf der Kippe. Foto: Gregory Bull/dpa
„Anlagenbau funktioniert auch aus dem Home-Office“. Jürgen Nowicki, Sprecher der Arbeitsgemeinschau Großanlagenbau im Verband des Deutschen Maschinenbaus (VDMA) gibt sich kämpferisch. In Corona-Zeiten funktioniere die Arbeit in den Unternehmen extrem diszipliniert und überraschend gut. „Alle Projekte laufen nach Plan“, sagt Nowicki, im Hauptberuf Finanzchef bei Linde Engineering. Doch jeden Tag wird es schwieriger. Die Firmen hätten für 2020 mit einem stabilen oder sogar leicht steigenden Auftragseingang gerechnet. „Die Corona-Pandemie und dazu der Ölpreis-Schock machen das hinfällig.“ Auch wegen des massiv gefallenen Rohölpreises dürften mögliche Aufträge für Großanlagen aus den Ölländern wie Russland oder Saudi-Arabien geschoben oder gestrichen werden. Eine Prognose sei wegen der extremen Marktunsicherheit seriös nicht möglich.

Dabei ist 2019 für den deutschen Großanlagenbau gut gelaufen. Der Auftragseingang lag mit 18,3 Mrd. EUR auf Vorjahresniveau, der Umsatz sank allerdings um rund 2 Mrd. auf 16,3 Mrd. EUR. Größere Schwankungen sind allerdings wegen der gestreckten Abrechnungszeiträume und den längeren Bauphasen für Großanlagen nicht unüblich.

Erfreulich für die Branche mit ihren knapp 54 000 Beschäftigten waren 95 neue Großaufträge mit einem Volumen von jeweils mehr als 25 Mio. EUR, darunter ein, so Nowicki, „Megaauftrag“ aus Singapur für einen Komplex zur Erzeugung von Wasserstoff und Synthesegas in Höhe von mehr als einer halben Mrd. EUR. Dazu gesellten sich 16 Projekte mit einem Volumen zwischen 125 Mio. und 500 Mio. EUR. In Deutschland war die Nachfrage nach thermischen Kraftwerken so hoch wie seit 2014 nicht mehr bei Bestellungen von insgesamt 3,6 Mrd. EUR.

Wichtigster Auslandsmarkt waren auch 2019 die USA mit Aufträgen von 1,5 Mrd. EUR. Zwei Drittel stammten aus Großprojekten für die Stahl- und Aluminiumindustrie. Aus China, Russland und Singapur gingen Bestellungen im Volumen von jeweils mindestens 1 Mrd. EUR ein. Wegen des Klimawandels seien Anlagen zur CO2-freien Stromerzeugung, zur Rauchgasreinigung, für das Recycling von Elektroschrott und eine treibhausgasarme Stahl- und Zementproduktion immer häufiger gefragt. Auch Anlagen zur Erzeugung von Wasserstoff könnten eine immer stärkere Rolle spielen, sagt Nowicki. Rolf Obertreis
© Südwest Presse 26.03.2020 07:45
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